Und wieder ist Schulbeginn. Und wieder haben die Medien das Thema Schule auf ihren Titelseiten. Und wieder lesen wir über die Ratschläge von BildungsforscherInnen, wie eine zeitgemäße Schule ausschauen sollte und was man wie verändern und verbessern müsste - und warum es nicht geht. Und so wird wohl Schule im Schuljahr 2010/2011 einmal mehr genau so ausschauen wie das Jahr davor.
Ich gebe zu, dass ich diese systemische Paralyse samt ihrer gut meinenden Begleitmusik immer weniger aushalten kann. Die österreichischen SteuerzahlerInnen alimentieren eines der teuersten Schulsysteme Europas. Und doch ertragen sie, dass ihnen eine politische Klasse ein immer trögeres Theater vorspielt, das die Entwicklungschancen ihrer Kinder nachhaltig verschlechtert. Als ob es für den SchülerInnen von irgend einer Bedeutung wäre, ob LehrerInnen vom Bund oder von den Ländern angestellt werden. Wenn es um LehrerInnen geht, dann interessiert sie wesentlich mehr, was mit den zehn Prozent der LehrerInnen passiert, die ihrer Aufgabe in keiner Weise gerecht werden, die SchülerInnen schlecht behandeln, drangsalieren und so zur Ödnis des schulischen Alltags beitragen. Und sie interessiert auch wesentlich mehr, wenn sich gute und engagierte LehrerInnen in den engen institutionellen Zwängen verheddern, sich erschöpfen, die Lust an ihrem Beruf verlieren und sich mit Business as usual begnügen.
Aber darüber lesen wir in der Regel nichts. Vielleicht weil das nichts mit politischen Besitzansprüchen zu tun hätte sondern mit dem Anspruch einer – unmittelbar für die SchülerInnen relevanten – Qualitätsentwicklung an den einzelnen Schulstandorten, an der sich Österreich bislang weitgehend vorbeigeschummelt hat. Was wir wissen ist, dass die PISA-Resultate bestenfalls mittelmäßig sind und in keiner Weise den Aufwand lohnen. Hier werden Ressourcen massenhaft verschleudert.
Dazu kommt, dass sich PISA in erster Linie an der ökonomischen Verwertbarkeit der SchülerInnen orientiert. Die Ergebnisse sind wenig aussagekräftig, wenn es darum geht, den individuellen Anlagen der SchülerInnen gerecht zu werden und ihnen die Förderung angedeihen zu lassen, die ihren vielfältigen Anlagen optimal entspricht. Immerhin ist vieles von dem, wofür junge Menschen begabt sind bzw. was sie bereits können, bislang überhaupt nicht Gegenstand von Schule, die nach wie vor so tut, als ließe sich „Welt“ in zehn oder zwölf, weitgehend aus dem 18. Jahrhundert stammenden Unterrichtsgegenständen einteilen.
Statt dessen dominiert nach wie vor der geheime Lehrplan „Schulbuch“, der darauf abstellt, allen SchülerInnen zum selben Zeitpunkt dieselben Wissensinhalte einzubläuen, auf dass sie in der Lage sind, diese in stressigen Prüfungssituationen wieder zu geben, um sie danach möglichst schnell wieder zu vergessen. Das Ergebnis ist eine unglaubliche gesellschaftlichen Zeitvergeudung, in der sich SchülerInnen unter 25 oder 30 anderen weitgehend allein gelassen fühlen und denen fad ist, wenn nicht gerade punktuell ihre Aufmerksamkeit überprüft wird. Der überwiegende Rest ihrer Existenz bleibt ungelebt und wird erst nach dem Ende der Schule wieder aufgenommen.
Beispiel gefällig: Das Unterrichtsministerium hat erst jüngst einen
Grundsatzerlass "Ganzheitlich-kreative Lernkultur in den Schulen" wieder veröffentlicht. In ihm stehen viele gut gemeinte Bildungsabsichten, die unmittelbar auf eine Neue Lehr- und Lernkultur verweisen. Das Problem: Die im Erlass zum Ausdruck kommenden Bildungsinhalte finden in den vorgegebenen Schulstrukturen keinerlei Entsprechung. Dort ist einfach kein Platz (und angeblich auch keine Ressourcen) für projektorientiertes, interdisziplinäres Lernen, das die Lernbedürfnisse jedes einzelnen Schülers/Schülerin in den Mittelpunkt rückt.
Das absurde Ergebnis: Die neue Lehr- und Lernkultur wird zwar von der zentralen Bildungsverwaltung propagiert; umgesetzt hingegen wird sie bislang nahezu ausschließlich im Privatschulbereich, etwa in der
w@lz die nicht an das rigide Organisationsmodell der öffentlichen Schule gebunden sind. Dazwischen funktionieren der öffentliche Schulbereich entlang der traditionellen Vorgaben der Lehrergewerkschaften einfach weiter und bilden ein zunehmend „ehernes Gehäuse“, das strukturell zu ändern sich niemand mehr drüber traut, egal was rund um es in der Welt passiert. Und das Gros der SchülerInnen, die sich keine private Schule leisten können, müssen halt irgendwie durch. Meine Frage an einen Spitzenbeamten des Unterrichtsressorts, warum nicht zumindest in jedem Schulbezirk ein Schulstandort einen zeitgemäßen, Schüler zentrierten Unterricht anbieten, meinte dieser lapidar: „Das erlauben uns die Juristen nie!“ Besser kann man die Pervertierung des aktuellen Zustands der österreichischen Schulen nicht auf den Punkt bringen.
Noch etwas erlauben offenbar die Juristen nicht. Nein, ich rede nicht von der nun langsam in die Gänge kommenden gerichtlichen Neugierde gegenüber den Machinationen des ehemaligen Superstars der Wenderegierung. Ich rede von einer kurzen Notiz, dass es
„Arigona nicht schaffen würde, bis zum Schulbeginn nach Österreich zurückzukehren“. Die ausgewiesene Rumpffamilie Zogaj, die bereits über hinreichende Bürgen verfügt, um die Lebenserhaltungskosten in Österreich zu tragen, konnte noch keine Anträge auf Schülervisa stellen, weil eine Übertragung des Sorgerechts für die Kinder vom Vater auf die Mutter ausstehen würde. Sollte diese Anträge eingebracht und irgendwann auch bewilligt werden („Vor der Wien-Wahl geht eh nichts“), dann werden diese jungen Menschen zumindest ein Schuljahr verlieren. Na wenn schön, könnte man einwenden, das passiert doch auch rund 30 000 RepententInnen jährlich, die in diesen Tagen um ihren Aufstieg in die nächste Klasse zittern.
Ich war persönlich sehr verwundert, wie schnell die öffentliche Aufregung um die Abschiebung der Familie Zogai von einer Scheinnormalität abgelöst wurde, der den Namen Zogaj nur mehr in den vermischten Nachrichten zulässt. Und doch wird an diesem Fall nicht nur die Wirkung einer politisch konstruierten Ausländerfeindlichkeit deutlich sondern darüber hinaus eine weitere Abstrusität des österreichischen Schulsystems, die darin besteht, jungen Menschen ganz selbstverständlich das eine oder andere Jahr an Lebenszeit amtlich zu stehlen, wenn diese den Nachprüfungskriterien nicht entsprechen.
Leider durchgefallen, könnte man sagen und vergisst doch, dass es diese Form des staatlichen Zeitraubes in anderen Ländern längst nicht mehr gibt; z.B. weil die Schulen Lerndefizite rechtzeitig erkennen und den Schüler/Schülerin mit seiner/ihrer Familie bei der Organisation von Nachhilfestunden nicht allein lassen sondern selbst mit Fördermaßnahmen entgegenwirken. Der Nachweis, bestimmte Lernziele nicht erreicht zu haben, richtet sich dort nicht ausschließlich gegen den/die betroffene/n Schüler/Schülerin, sondern zumindest ebenso gegen diejenigen, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig Maßnahmen zu setzen und die jungen Menschen in ihren Lernbedürfnissen optimal zu begleiten.
Und so sitzen sie irgendwo in Kriegsruinen außerhalb Pristinas, Arigona und ihre Geschwister und sind in ihrem Bemühungen um Rückkehr nach Österreich weiterhin auf die Hilfe des Pfarrers Friedl angewiesen. Das offizielle Österreich zeigt weiterhin keinerlei Interesse, diesen – vom Schicksal besonders geschlagenen – jungen, interessierten, wissbegierigen Menschen optimale Lernbedingungen zu bieten und beruft sich statt dessen auf immer wieder neu errichtete bürokratische Hürden, die es zu übersteigen gilt. Arigonas einziger diesbezüglicher Lernfortschritt gesteht in Erkenntnis: „Die wollen ja gar nicht, dass ich etwas lerne – Die wollen bestenfalls, dass ich nach ihren Vorschriften funktioniere“.
Zumindest mit dieser Erfahrung ist sie nicht allein. Sie teilt sie mit vielen ihrer österreichischen MitschülerInnen, die versuchen, sich in geduckter Haltung und ohne allzu große Schrammen durch ihre Schulzeit durchzuwurschteln. Zum Lernen haben sie längst attraktivere Orte gefunden, die die jungen Menschen zumindest das Gefühl zu geben vermögen, sie selbst sein zu können. Orte der umfassenden Persönlichkeitsentwicklung eben.
Michael Wimmer - 5. Sep, 17:56
Mitten im finnischen Seengebiet liegt die Stadt Jyväskyla. Eingebettet in unendliche Waldlandschaften ist an der Grenze zwischen Natur und Kultur ein verwunschener Uni-Campus entstanden, der ein wenig an die Pavillons von Steinhof erinnert. Ideale Studienbedingungen, vor allem, weil es sonst nichts gibt, außer Jogging an der Seepromenade oder, wenn man dafür zu müde ist, Trinken bis zur Bewusstlosigkeit.
Dort kamen vorige Woche rund dreihundert KulturpolitikforscherInnen aus der ganzen Welt zur, alle zwei Jahre stattfindenden International Conference for Cultural Policy Research zusammen. EDUCULT hatte diese Gruppe 2006 in Wien zu Gast. Seither darf ich im Scientific Committee dieser honorigen Gesellschaft mitreden und war diesmal mit einem Trend konfrontiert, der mich nachdenklich stimmt. War die Veranstaltung 2006 noch ein starkes Ringen um das Verhältnis von akademischer und angewandter Forschung, damit zwischen Theorie und Praxis gekennzeichnet, so haben sich jetzt anscheinend die „AkademikerInnen“ durchgesetzt.
Die Folge war die Aneinanderreihung von Präsentationen kulturwissenschaftlicher Elaborate, paradigmatisch etwa über den Einfluss bestimmter Strategien der katholischen Kirche auf die Populärkultur der europäischen Gesellschaften von Oliver Bennett, Professor an der Warwick University of England. Diese konnten durchaus interessant sein, wenn ich auf diese Weise erfuhr, dass der vormalige Papst Johannes Paul mehr Heiligsprechungen vornahm als alle seine Vorgänger zusammengenommen. Nur, was bedeutet diese Form der Popularisierung des Heiligen, wenn es darum geht, daraus kulturpolitische Konsequenzen zu ziehen? Ähnlich ratlos blieb ich zurück nach einer Diskussion um Fragen der kulturellen Identität, die keinerlei Erkenntnisgewinn in Bezug auf die zunehmend überhand nehmenden kulturpolitischen Strategien der Wählermaximierung, vor allem rechtspopulistischer Parteien aufkommen ließen.
Vollends skurril wurde die Situation, als eine VertreterIn Makedoniens von den verheerenden kulturpolitischen Rahmenbedingungen zu berichten wusste, ohne auf irgendeine Reaktion von KollegInnen aus Ländern mit weit üppigeren kulturpolitischen Bedingungen zu treffen. Wie überhaupt das Wort „Krise“ diese Gruppe noch nicht erreicht zu haben scheint. Damit machte das Gros der TeilnehmerInnen offensichtlich, wie wenig sie bislang zur Kenntnis genommen haben, dass sich der Kulturbetrieb in einem zum Teil dramatischen Veränderungsprozess befindet und dass dieser gerade jetzt ganz besonderen Bedarf hätte, diese Veränderungsprozesse besser zu reflektieren und verstehen zu lernen.
Um dazu ein konkretes Beispiel zu geben. Gerade in den letzten Wochen konnte ich eine Reihe von Gesprächen mit VertreterInnen von Kultureinrichtungen führen, die drauf und dran sind, ihr Profil nachhaltig zu ändern. Sie wissen, dass ihre bisherige Ausrichtung, ihre Aktivitäten rund um ihre spezifischen Inhalte bzw. Artefakte zu entwickeln, sie a la longue zu Museen ihrer selbst machen wird. Um dem zu entgehen, entdecken sie gerade ihre NutzerInnen, um die sie sich künftig stärker bemühen möchten. Ja schon, aber was bedeutet das konkret? Wie viel Unsicherheit ihres Fachpersonals müssen sie dabei in Kauf nehmen? Welche neuen Qualifikationen sind hierfür erforderlich? Entsprechen die räumlichen Voraussetzungen überhaupt der neuen Ausrichtung? Oder kann sie diesen Veränderungsprozess als isolierte Einrichtungen überhaupt bewerkstelligen oder müssen sie dafür Partner aus anderen Fachzusammenhängen suchen?
Die Beantwortung all dieser Fragen bedürften einer intensiven kulturpolitischen Diskussion. Immerhin betreffen sie nicht mehr und nicht weniger als die Infragestellung lang eingeübter Haltungen, Routinen, Sprachregelungen Selbstverständnisse aller Beteiligten, die sich nicht von heute auf morgen beliebig verändern lassen werden. Besonders deutlich ist mir das bei einem Gespräch mit dem Leiter einer renommierten Musikausbildungseinrichtung geworden. Da ist einerseits der noch immer dominante Anspruch, den einen oder anderen AusnahmemusikerIn hervorzubringen, die oder der als junge Ausgabe von Anne-Sophie Mutter oder Grigory Sokolov auch in Zukunft – ohne jedem Publikumsbezug – nichts anderes als einfach Musik machen soll. Und da ist andererseits das Wissen, dass mit diesem Anspruch keine musikalische Lehranstalt mehr zu führen ist, weil der Genieanspruch des 19. Jahrhunderts keine Universität mehr trägt und wir – spät aber doch – angekommen sind in einer demokratischen Gesellschaft, die Kunst als eine Kommunikationsform erkennt, für die die ProduzentInnen genauso wichtig sind wie die RezipientInnen.
Wenn das aber so ist, dann kommen wir nicht darum herum, die RezipientInnen ebenso ernst zu nehmen wie die ProduzentInnen. Und sofort tauchen sie wieder auf die vielen Fragen: Was heißt das konkret? Was müssen wir tun? Welche Qualifikationen brauchen wir dafür? Und in welchen Settings kann diesem Anspruch Genüge getan werden
?
Kulturpolitisch könnte das z.B. heißen, Abschied von dem irreführenden Slogan einer „Kultur für alle“ zu nehmen, der Kultureinrichtungen zur stereotypen Behauptung bringt, ihr Angebot würde sich „an alle“ richten, auch wenn das schiere Gegenteil der Fall ist. Immerhin konnte man mit dieser naiven Simplifikation die Augen verschließen, dass Menschen in zunehmend ausdifferenzierten kulturellen Kontexten leben, dass sie darüber hinaus unterschiedliche kulturelle Codes der Zugehörigkeit und Ausschließung entwickelt haben, um sich von „den allen“ zu unterscheiden und dass sie Wert darauf legen, gerade in diesen Unterschieden wahrgenommen zu werden. Und dass daher Musik nicht einfach nur Menschen verbindet sondern sie in zumindest ebensolcher Weise voneinander unterscheidet.
Diese wachsende gesellschaftliche Ausdifferenzierung ist vielleicht die größte Herausforderung für die Kulturpolitik überhaupt. Immerhin entscheidet sich damit, wer in welcher Weise künftig am öffentlichen kulturellen Leben teilnehmen kann und wer nicht (in dem Zusammenhang erschrecke ich immer wieder – und mit mir in der Regel auch die, denen ich das sage – dass 80% der österreichischen Jugendlichen ab 15 Jahre eine berufbildende Schule besuchen und damit ein weitgehend anderes kulturelles Selbstverständnis entwickeln als die mittlerweile krasse Minderheit der GymnasiastInnen. Aber anstatt die kulturpolitischen Schwerpunkte auf diese Zielgruppe zu legen, haben die meisten VertreterInnen von Kultureinrichtungen noch nicht einmal realisiert, dass sie an diesen Mehrheiten vorbeiproduzieren. Sie konzentrieren ihr Vermittlungs- Angebot statt dessen in Ermangelung entsprechender Kommunikationskonzepte notgedrungen auf die institutionellen Zusammenhänge, von wo die meisten ihrer VertreterInnen selbst herkommen: aus dem Bereich AHS-Oberstufe.
Und doch erleben selbst sie anhand ihrer Stammklientel, dass nichts mehr selbstverständlich ist und ihre kulturellen Fassaden immer schwerer aufrecht zu erhalten sind. In Jyväskylä aber war die Welt noch in Ordnung. Statt dessen konnte ich mich da und dort nicht des Gefühls erwähren, dass sich in einer etablierten Szene eine gewisse Müdigkeit breitmacht, wenn es darum geht, sich noch einmal mit den Niederungen der oft strapaziösen kulturpolitischen Praxis auseinander zu setzen, auch wenn das so notwendig wäre wie nie zuvor.
Die traditionellen „Kulturnationen“ waren – mit Ausnahme des EDUCULT-Teams – gleich gar nicht gekommen. Es dominierten die nordischen Länder, dazu England, Belgien, Italien, Spanien, Frankreich, die Niederlande, die USA; Canada, Australien, Neuseeland, Japan und andere Länder Südost-Asiens. Aber auch die Türkei, Israel oder Brasilien waren vertreten. Mit ihnen war es immerhin möglich, das Thema kulturelle Bildung als einen kulturpolitischen Gegenstand anzusprechen. Das Interesse am Projekt „European Fact Finding Mission“ war groß. Die lebhafte Diskussion deutete auf einen Umschwung hin, wonach das Thema nach vielen Jahren der Verweigerung nun noch in der kulturpolitischen Szene angekommen ist.
Es wäre das – jedenfalls für mich – der größte Erfolg dieses Treffens.
Michael Wimmer - 1. Sep, 20:51
In diesen Tagen war ich intensiv mit der Erarbeitung einer Analyse der österreichischen Kulturpolitik befasst. Es ist das ein Unternehmen, das ich mir schon sehr lange vorgenommen hatte, ohne im Alltagsstress des laufenden Betriebs des EDUCULT-Projektes genügend Zeit (und auch Konzentration) zu haben. Die aber braucht es, wie ich jetzt weiß, um ein Stück zur Seite zu treten und einen distanzierteren Blick auf das vielfältige kulturpolitische Geschehen zu werfen. Jetzt aber nimmt das Vorhaben Gestalt an und ich kann – zumindest für mich – sagen, dass sich die Mühe in dem Maß gelohnt hat, als ich selbst viel über ebenso mächtige wie verborgene Zusammenhänge, die die österreichische Kulturpolitik auszeichnen, gelernt habe.
Als Begleitlektüre diente mit das Buch „Der Engel mit der Posaune“ des Autors und Regisseurs Ernst Lothar. Dieser war vor dem zweiten Weltkrieg Direktor des Theaters in der Josefstadt und während des Austrofaschismus Präsident des „Gesamtverbandes Schaffender Künstler in Österreich“. Als Jude emigrierte er nach der Machtergreifung der Nazis über Umwege in die USA um nach dem Krieg als Theater- und Musikbeauftragter des US Departements of State (Office of War Information) nach Österreich zurückzukehren. In dieser Funktion war er u. a. am Entnazifierungsverfahren von Herbert von Karajan beteiligt und betrieb die Rückkehr von Helene Thimig nach Österreich.
Den Roman „Der Engel mit der Posaune“ schrieb er 1944 im US-amerikanischen Exil als Bekenntnis der Einzigartigkeit einer spezifisch österreichischen Natur, die es gelte es, über die verschiedenen politischen Umbrüche hinweg aufrechtzuerhalten. Anhand der Klavierbauerdynastie Alt erfand Lothar die vielfältigen Schicksale einer Wiener Patrizierfamilie, deren Mitglieder sich an einer, in die Monarchie zurückreichende österreichische Großmythologie abarbeiten und ihr dennoch nicht zu entkommen vermochten. In einem Epilog weist er ihnen den Platz zu, in dem sich ihre kulturelle Bestimmung erfüllen würde: „…sie wohnen in einem widerspruchsvollen, zwielichtigen, verwinkelten, unsinnig-sinnlichen, herrlich schönen, gefährlichen, im Zentrum stehenden, tief unterkellerten, dämonischen Haus, das das Haus Österreich ist“.
Wenn man in diesen Tagen die Zeitungen aufschlägt, dann könnte man meinen, dass Lothar in fast prophetischer Manier die heutigen Zustände dieses Landes, das demokratiepolitisch zunehmend zu ermatten droht, vorherzusagen vermochte. Während himmelschreiende Korruptionsfälle seitens der Justiz ungeahndet bleiben, wird der Boulevard nicht müde, uns von dieser schleichenden Demoralisierung abzulenken und uns statt dessen mit den intimsten Details der Adabei-Gesellschaft einzulullen.
Und der Obmann der Freiheitlichen spielt „Wiener Blut“ dazu, ohne dass sich noch einmal jemand aus der verordneten Feierlaune bringen lassen wollte. Das könnte man positiv interpretieren als die Negierung eines irrlichterndes Phänomens, das auf Grund seiner Irrelevanz keinen mehr interessiert. Oder negativ, dass es die meisten – auch aus dem Kulturbereich – aufgegeben haben, den politischen Absichten, die österreichische Gesellschaft mit kulturellen Mitteln zu spalten, angesichts wachsender Krisen- und damit verbunden Segregationserscheinungen noch einmal eine überzeugende Alternative entgegen zu setzen. Vor allem im zweiteren Fall könnten wir von Lothar lernen, der literarisch darauf hinweist, dass, wenn es denn so etwas wie eine österreichische Natur gibt, diese untrennbar verbunden ist mit den Erfahrungen des Zusammenlebens unterschiedlicher Völker und Kulturen.
Bei der Entwicklung von Perspektiven für eine österreichische Kulturpolitik hätte ich in meiner Arbeit gerne nicht nur die Herausforderung des demographischen Wandels angesprochen, der Kultureinrichtungen dazu künftig dazu zwingen wird, in ihrer Angebotsentwicklung statt des überstandigen Slogans „Kultur für alle“ wesentlich sozial differenzierter vorzugehen, erwähnt. Ich hätte auch gerne von meinen Hoffnungen auf einen „educational turn“ gesprochen, der die Kulturpolitik der nächsten Jahre antreiben könnte. Immerhin erlebe ich in der Zusammenarbeit mit Kultureinrichtungen einen wachsenden Trend, ihre inhaltliche Ausrichtung als eine Bildungseinrichtung zu forcieren. Dabei geht es immer weniger darum, ein feststehendes Programm mit bestmöglichen Vermittlungsmethoden an die jeweiligen Zielgruppen heranzutragen.
Statt dessen rücken die kulturellen Besonderheiten heterogener Zielgruppen selbst in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. Dazu aber ist es vorab notwendig, mit diesen erst einmal in Kontakt zu treten, um deren Mitglieder besser kennen zu lernen und sich über ihre kulturellen Bedürfnisse kundig zu machen. Erst mit diesem Wissen und diesen Erfahrungen scheint es sinnvoll und möglich, ein maßgeschneidertes Bildungsangebot zu entwickeln, das die angesprochene Zielgruppe als interessant empfindet, das es genießen kann und das einen Nutzen für das eigene Leben zu stiften vermag. Damit versprechen Kultureinrichtungen für die Zukunft ein attraktives Sinnstiftungsprogramm nicht nur für diejenige Minderheit, die auf Grund ihrer Herkunft als kulturaffin gelten sondern auch und gerade für diejenigen, die zwar für die öffentliche Kulturförderung bezahlen, im eigenen Kulturverhalten aber auf das kommerzielle Medienangebot verwiesen sind.
Dahin ist es freilich noch ein weiter Weg, jedenfalls wenn es darum geht, dafür bereite Akzeptanz zu finden. Zufällig ist mir in diesen Tagen eine repräsentative
IMAS-Umfrage in der österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahre in die Hände gefallen, die u. a. die bevorzugten Lehrstoffe im Lehrplan abfragt. Um es vorweg zu nehmen: Das, was wir gemeinhin unter kulturelle Bildung im engeren Sinn bezeichnen, Kunsterziehung, Auseinandersetzung mit Kunst, Musik, Tanz, Theater, Film oder Literatur kommt in diesem Ranking ganz schlecht weg und rangiert – offenbar als weitgehend verstaubt und daher als irrelevant empfunden – am Ende der Liste zusammen mit alter Geschichte und alten Sprachen. Heftig nachgefragt sind dagegen alle diejenigen Unterrichtsinhalte, die als relevant für die heutige Lebensgestaltung empfunden werden, vor allem der Umgang mit den digitalen Medien oder der Sprachenerwerb.
Faszinierender Weise trägt die Untersuchung den Titel „Die verschmähte Naturwissenschaft“, weil „Mathematik, Chemie und Physik Stiefkinder des Bildungsbewußtseins“ darstellen würden.
Nun meinen immer hin noch 33% der Befragten, Mathematik solle ausführlicher behandelt werden; der Anteil der FürsprecherInnen von Physik und Chemie hingegen macht nur mehr ein knappes Viertel der Befragten aus. Als BefürworterInnen der Kunst aber outen sich überhaupt nur mehr 17%; fast noch einmal die Hälfte weniger als der Prozentsatz für die „verschmähte“ Mathematik.
Geht es nach dieser Untersuchung, dann sind jedenfalls die Vorausaussetzungen für die schulische kulturelle Bildung nicht eben optimal und die Kultureinrichtungen als die künftigen kulturellen Bildungseinrichtungen haben ein weites Feld für sich. Dass sie sich in diese Richtung profilieren, scheint umso wichtiger angesichts der aktuellen „Kulturalisierungsversuche“ der rechtsradikalen und rechtspopulistischen Kräfte in diesem Land. Das Schicksal Ernst Lothars und vieler seiner Leidensgenossen beweist, dass „Wiener Blut“ nicht nur der symbolische Ausdruck einer auf vielfältiges Zusammenleben gerichteten Lebensart repräsentiert. Als kultur-politischer Kampfbegriff bedingt er den Auftrag an kulturelle Bildung zur Herausbildung eines kritischen Kulturbewußtseins dar, das uns hinter die kulturellen Symbole blicken und die Interessen erkennen lässt, die sich hinter dieser scheinheiligen Fassade verbergen.
Oder einfach gesagt: In Zeiten der Vernutzung von „Wiener Blut“ als politischer Slogan erscheint es höchste Zeit, die Qualität kultureller Bildung an der Mitwirkung an der demokratischen Weiterentwicklung der Gesellschaft zu bemessen.
Michael Wimmer - 22. Aug, 21:17
Das Ende des Lebens kann schrecklich sein. Es ist jetzt schon einige Zeit her, dass ich mit dem Sterben eines Freundes konfrontiert wurde, der elendiglich an Knochenkrebs zugrunde gegangen ist. Trotz Amputation litt er an unerträglichen Schmerzen, die ihn an den Rand des Wahnsinns brachten. Für den daneben Sitzenden war es eine kaum aushaltbare Situation, das Leiden mitansehen zu müssen und doch nicht helten zu können.
Und besonders erinnere ich mich an die Besuche der Verwandten am Krankenbett, die sich vor allem durch Berührungslosigkeit auszeichneten. Kein Ergreifen, kein Spüren, kein Umarmen, kein wortloses Trösten einer streichelnden Hand. Mir war das umso unverständlicher als mein Freund aus einer Arztfamilie stammte und ich annahm, dass Körperlichkeit zur beruflichen Alltagsroutine gehörte. Aber das Gegenteil war der Fall: Als wäre Norbert Elias’ Prozess einer auf Körperentfremdung gerichteten Zivilisationsvorstellung in dieser Konstellation an ihr Ende gekommen, verweigerten die Anverwandten bis zum bitteren Ende jeden Körperkontakt und beschränkten ihre Anteilnahme aufs schiere Reden, auch noch zu einem Zeitpunkt, als mein Freund vor lauter Schmerzen schon nichts mehr verstand.
Die Geschichte fiel mir ein, als ich den Befund von Charles Spence vom Institut für experimentelle Psychologie an der Universität Oxfort las, der Berührungsarmut als Leiden der modernen Gesellschaft bezeichnet und zum Schluß kommt; „Noch nie haben wir uns so wenig angefasst wie heute“. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein; einer könnte sich aus einer Verkürzung aufklärerischen Denkens ergeben, das darauf gerichtet war, mithilfe rationaler Diktate möglichst alle körperlichen Trieb- und Affektregungen zu beherrschen und somit auch die Bedürfnisse nach körperlicher Nähe zu unterdrücken. Dass dabei die traditionelle Körperfeindlichkeit vor allem der katholischen Kirche ihren wesentlichen Beitrag geleistet haben, soll nicht unerwähnt bleiben.
Womit wir bei der Schule wären: Diese repräsentiert wie keine andere öffentliche Institution die Forderung nach Eliminierung des Körperlichen. Die SchülerInnen hätten sich in erster Linie auf die Aufnahme kognitiven Wissens zu konzentrieren, wodurch sich die Körperfunktionen im Wesentlichen darauf zu beschränken hätten, den lernenden Kopf von und in die Schule zu tragen. So sind die wesentlichen Unterrichtsziele bis heute darauf gerichtet, bei den Lernenden auf einem hohen Abstratkionsgrad beruhende Wissensvorräte anzulegen, die in stressigen Prüfungssituationen repetiert werden können.
Diese Dominanz des Kognitiven ist umso auffallender, als in der Kognitionsforschung längst Einigkeit darüber herrscht, dass nicht nur ein ausgewählten Hirnregionen sonden mit dem ganzen Körper und folglich auch mit allen Sinnen gelernt wird. Während man aber im Bereich der Arbeitswelt dem subjektiven, körperlichen Wohlbefinden mittlerweile Bedeutung zumisst, scheint das in Bezug auf die Steigerbarkeit der Lernproduktivität von SchülerInnen bislang kein Thema zu sein. Da müssen ein oder zwei „Turnstunden“ pro Woche als „Ausgleich“ genügen, in der Höffnung, damit dem Hunger auf Körperlichkeit genüge zu tun.
Nun ist dieForderung nach auf Ganzheitlich gerichteten Unterricht nicht neu und so finden sich immer wieder PionierInnen, die versuchen, diesem Anspruch Rechnung zu tragen, jedenfalls so lange, bis die dominierende Systemlogik ihr Engagement erlahmen lässt.
Dabei beziehen sich die „Systemerhalter“ einerseits auf das Argument, dass Schule als öffentliche Agentur der Leistungsfeststellung gar nicht anders kann als die Vermittlung kognitiver Wissensinhalte auch weiterhin ins Zentrum ihrer Bemühungen zu rücken, zumal sich alle darüber hinausgehenden körperlichen, emotionalen und affektiven Potentiale wenn überhaupt, dann nur sehr viel schwerer objektivieren lassen. Und sie verweisen andererseits auf die Mißbrauchsgefahr, die den LehrerInnen eine weitgehend unkontrollierbare Verfügungsgewalt nicht nur über die kognitiven Fähigkeiten sondern – ohne dass sich die derart überwältigten SchülerInnen dagegen wehren können – auch über alle anderen, unmittelbar Körper bezogenen Anteile zu sprechen würde.
Ungeachtet dieser Einwände deutet zur Zeit vieles drauf hin, dass die Phantasie einer aufklärererischen Engsicht, die vermeinte, einen „Endsieg des Geistes“ über den Körper herbeiführen zu können, zunehmend an Attraktivität verliert. Und so drängen die unsichtbaren Wände, die in der Schule zwischen Menschen und Menschen und damit Körper und Körper aufgerichtet werden, darauf, außerhalb der Schule wieder niedergerissen zu werden. Und verweisen die verschiedenen jugendkulturellen Szenen in besonderer Weise auf Aspekte der Körperlichkeit – samt seiner ästhetischen Durchdringung.
Diese vielfältigen Formen der, heute wesentlich kommerziell gelenkten Wiederaneignung des Körperlichen verweist für mich auf einen besonderen Verlust, den Schule mit ihrer Kozentration auf kognitive Wissensvermittlung erlitten hat; den Verlust des Ästhetischen. Das beginnt bei der Architektur und der Einrichtung von Lernräumen und endet beim Stellenwert, den die Künste im Unterricht einnehmen. Immerhin sind es vorrangig die Künste, die die Aneignung von Welt mit allen Sinnen erlauben und damit körperlichen Erfahrungen – nicht im Gegensatz sondern im Zusammenwirken mit rationaler Erkenntis – den ihr gebührenden Stellenwert einräumen könnte. Wir wissen aus der Geschichte, dass die Künste kein Betriebsmittel des Irrationalen darstellen sondern sich als mindestens ebenso wichtige Erkenntnisformen wie die Wissenschaften erwiesen haben. Wir wissen das – und wenden dieses Wissen – jedenfalls wenn es um Schulentwicklung geht – dennoch kaum an.
Ich weiß nicht, in welche Schule mein Freund gegangen ist; In jedem Fall war sein Tod durch ezessive Körperfeindlichkeit geprägt, die für mich als teinehmendem Beobachter nur schwer erträglich war. Ich weiß nicht, ob eine größere Fähigkeit der Beteiligten, ihrer Körperlichkeit Ausdruck zu verleihen, am Krankheitsverlauf etwas geändert hätte. Geändert hätte sich in jedem Fall die Art und Weise des Voneinander-Abschied-Nehmens; es wäre mehr Körper als nur die Lippen der Anverwandten im Spiel gewesen.
Und so wird mir die Erinnerung an das körperlich ebenso wie emotional qualvolle Sterben meines Freundes unversehens zur Erkenntnis, dass es keine Bildung ohne Körperlichkeit gibt. Das aber hieße für die Schule, dass sie es mit Lernende aus Fleisch und Blut zu tun hat und dass diese Körperlichkeit eine wesentliche Erkenntnisvoraussetzung wenn nich sogar der Körper ein wesentliches Erkenntnismittel darstellt. Das wäre aber dann keine Schule der Zurichtung mehr sondern eine der Menschenwürde.
Michael Wimmer - 29. Jul, 13:45
Da war sie wieder, die Skepsis, wenn es um Heimat geht. „Wenn ich Heimat höre, wird mir gleich ganz anders“, meinte der international ausgebildete und anerkannte Gambist Lorenz Duftschmid im letzten Klassik-Treffpunkt auf Ö1. Dort unterhielt er sich bei Renate Purtscher über das Motto der diesjährigen Styriarte „Heimat, bist du“. Ja, was bist Du? Duftschmid als Dramaturg des Festivals und seine Musiker-KollegInnen wollen mit diesem Motto das Klischee in Frage stellen, dass Musik als Inbegriff von Heimat per se die Menschen vereint (und bei der Gelegenheit auch noch gleich glücklich macht). Stattdessen möchten sie in Erinnerung rufen, dass Musik seit jeher als eine wichtige Waffe im Kulturkampf gegolten hat. So hat Musik wesentlich den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie begleitet, wenn Tschechen und Ungarn, Kroaten und Slowenen sich als Nation zuerst in der Kunst erfunden haben bevor sie tatsächlich politische Eigenständigkeit durchzusetzen vermochten. Má vlast“ (Mein Heimatland) des tschechischen Komponisten Friedrich Smetana ist dafür nur ein, wenn auch besonders anschauliches Beispiel. Und so hören wir immer auch Ausgrenzung, Fremdheit und Abschottung im gängigen Musikrepertoire, auch wenn wir uns dessen nur in den seltensten Fällen bewusst sind.
Wie nachhaltig trennend Musik sein kann, verdeutlicht wohl am besten die Wirkung der „Janitscharen-Musik“, die als osmanische Militärmusik den Gegnern der Türken so sehr in die Glieder gefahren ist, dass diese bereits die Flucht ergriffen, bevor der Kampf überhaupt beginnen konnte. Manches spricht dafür, dass es gerade diese Musik war, die das Bild des Furcht erregenden Türken bis heute unbewusst in uns wach hält und als eine Urangst unser Verhältnis zu „den Türken“ bis heute trübt.
In ihren letzten öffentlichen Stellungnahmen äußerte sich Bundesministerin Claudia Schmied immer wieder auf zum Thema „Heimat“. Als SPÖ-Parteipolitikerin forderte sie, den Begriff der Heimat künftig stärker kulturpolitisch zu nutzen und diesen nicht von konservativer und rechtspopulistischer Seite vereinnahmen zu lassen. Dieser Anspruch ist verständlich, wenn sich das rechte Lage mit „Österreich zuerst!“-Losungen gegenseitig in provinzieller Gesinnung zu übertrumpfen versucht und damit die Stimmen der Ressentiment geladenen Modernisierungsverlierer für sich zu gewinnen trachtet. Da kann sie wohl nicht nachstehen, auch wenn sie in den angestammten, quasi naturwüchsigen „Heimatgemeinden“ der ÖVP außerhalb der städtischen Ballungszentren nur selten ein „Leiberl reisst“.
Persönlich werde ich den Verdacht nicht los, dass die SPÖ im „Kampf um Heimat“ noch immer an einem Trauma leidet, das sie trotz des Aufkommens des Nationalsozialismus viel zu lange am politischen Anspruch der Vereinigung mit dem deutschen Reich hat festhalten lassen. Sie überlies damit den Christlich-Sozialen das Image einer Bewegung, die mit allen (auch anti-demokratischen) Mitteln versucht hat, die Idee von der österreichischen Heimat aufrecht zu erhalten, als deren Inbegriff Engelbert Dollfuss bis heute steht. Den Sozialdemokraten blieb der Nimbus der „Vaterlandsverräter“, den sie bis heute versuchen, ungelenk abzustreifen, auch wenn das gar niemand mehr fordert. Und so schaut der Heimat-Begriff der SPÖ dann aus, wenn sich ihr Parteiführer mit Haut und Haaren der Krone, der österreichischen Heimat-Zeitung schlechthin, ausliefert, gegen besseres Wissen die herrschende EU-Skepsis schürt oder es nicht schafft, als Mehrheitspartei die Ausweisung der Zogajs zu verhindern.
Kulturpolitisch scheint mir ja der Heimat-Anspruch besonders suspekt und politisch immer noch gefährlich. Maria von Preradovic hat den Text der Bundeshymne, auf den sich der Titel der heurigen Styriarte bezieht, in der unmittelbaren Nachkriegszeit geschrieben. In einer Zeit, als die materiellen und wohl auch seelischen Zerstörungen nach dem Ende der Naziherrschaft den Alltag bestimmt haben, um den Österreichern und darüber hinaus der Welt die scheinbar unbelasteten Eigenheiten: als Natur („Land der Berge“) und der Kultur („begnadet für das Schöne“) einzuschreiben. Es war dies Teil eines kulturpolitischen Konzeptes, das ich schon einmal als „austriakische Restauration“ beschrieben habe, das die Konservativen möglichst schnell dort anzuknüpfen, wo die austro-faschistische Kulturpolitik 1938 an ihr Ende kam im Versuch der Verklärung eines nur vordergründig harmonischen kulturellen Erbes der ausgehenden Monarchie. Die SPÖ hatte diesen nach außen hin erfolgreichen, für die politische Kultur des Landes aber desaströsen Versuchen der Reinwaschung eines, in den Nazi-Terror zutiefst verstrickten. als "Kulturnation" apostrophierten Landes mit der Seife des imperialen kulturellen Erbes nichts entgegen zu setzen. Mehr noch: Aus Angst, ihr gebrochenenes Heimatverhältnis könnte sich gegen sie richten, halfen sie mit, die konservative kulturelle Hegemonie wieder zu errichten: Die vertriebenen jüdischen KünstlerInnen Und Intellektuellen wurden auch von den roten Kulturfunktionären nicht eingeladen, in ihre Heimat zurückzukehren und eine junge, kritische KünstlerInnen-Generation bereits wenig später aufgefordert, „rüber zu gehen, wenn es Euch hier nicht passt“.
Seither ist viel passiert. Und doch schwingen diese historischen Bedingungen noch immer mit, wenn es heute um Heimat geht, die die Rechten allemal besser (und länger) gelernt haben, politisch für sich zu instrumentalisieren.
Völlig außen vor bei dieser Diskussion bleibt aber die komplementäre Seite, die auf Modernität, Urbanität und Internationalität gerichtete Lebensweise, die sich im Lauf der letzten 30 Jahre von der Hermetik eines engen Heimatbegriffes zu emanzipieren vermocht hat. Das hat Duftschmid nämlich auch gesagt, dass er sich dort zu Hause fühle, wo er gerade lebe und arbeite. Und wenn er sich nicht mehr zu Hause fühle, dann ginge er eben woanders hin, wo er größere Chancen sehe, sich zu Hause zu fühlen. In dieser offenen Lebens- und Arbeitsweise wird deutlich, dass der traditionelle Heimatbegriff immer auch etwas mit Begrenztheit, Sorge vor Verlust, Zukunftsangst zu tun hat. Und Stadt etwas mit Modernität, Bewegung, Änderung, Entwicklung und Grenzüberschreitung. Heimat war wichtig, wo die täglichen Existenzbedingungen bedroht erschienen, als ein Schutz versprechender Ort, an dem man sich zurückziehen kann, wo einem die Welt nichts anhaben kann.
Aber seit der Zeit der Textdichtung der österreichischen Bundeshymne hat sich die Welt und unsere Vorstellungen von ihr verändert. Wir können uns frei bewegen, vielfältige Erfahrungen machen und unseren Bekanntenkreis ungeachtet geographischer Grenzen erweitern. Warum mir dann ein engstirniger rechtspopulistischer Kärntner in einer fiktiven gemeinsamen Heimat noch immer näher sein soll als ein Wert schätzender Gesprächspartner; Kollege oder Freund irgendwo in Europa wird nicht nur für mich immer fragwürdiger.
Das Problem: Diese kosmopolitische Sicht hat es immer schon gegeben. Bisher aber war sie auf einen kleinen privilegierten Kreis begrenzt, die sich ihre internationalistische Attitüde deswegen leisten konnten, weil breiten Bevölkerungskreisen eine heimattreue Enge politisch aufgezwungen werden konnte.
Das ist heute so nicht mehr möglich und auch nicht mehr notwendig, wenn es um so elementare Dinge geht wie die Schaffung ideeller Grundlagen der Landesverteidigung, der Rechtsdurchsetzung oder der Steuereintreibung. Stattdessen haben sich die Chancen für eine geistige und körperliche Beweglichkeit und Offenheit zur Anwendung eines gelebten Kosmopolitismus nachhaltig verbessert. Was geblieben ist, ist der Anspruch ewig gestriger auf die Aufrechterhaltung politischer Engstirnigkeit und sind die Inhalte eines nicht mehr zeitgemäßen Schul- und Bildungssystems , das die jungen Menschen nicht an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, vor allem aber darüber hinaus führt.
Die Schaffung dieser tendenziellen „Heimatbefreiung“ halte ich für einen großen Fortschritt. Eine Partei wie die Sozialdemokratie, sie schon vor mehr als hundert Jahren als eine internationalistische Partei angetreten ist, könnte sich diese Entwicklung auf ihre Fahnen schreiben und aufhören, den ihr verbliebenen kosmopolitischen Geist als eine Schwäche, die es hinter fadenscheinigen Heimatversprechen zu verstecken gilt, zu korrumpieren.
Anleihen könnte sie sich dabei bei den KünstlerInnen nicht nur der Styriarte (dort auch) nehmen. Kunst, wenn es denn Kunst ist, ist das Gegenteil von Heimat (und bei der Gelegenheit auch gleich von Kultur). Kunst ist Kosmopolitismus pur. Sei es, dass sich KünstlerInnen unterschiedlicher Herkunft in unzähligen Projekten austauschen und bereichern oder sei es, dass das Ziel jedes Künstlers/jeder Künstlerin ist, dort Anerkennung zu finden, wo immer die künstlerische Qualität zu Hause ist.
In diesem Sinn sind KünstlerInnen role models für eine neue Form des Zusammenlebens und Zusammenwirkens jenseits aller Konstruktionen nationalstaatlicher Heimatkonstruktionen, die soviel Unglück über die Menschheit gebracht hat. In diesem Sinn ist uns die Kunst ein Zeichen für einen, persönlichen ebenso wie politischen, dass uns die ganze Welt zur Heimat geworden ist.
Michael Wimmer - 17. Jul, 21:55
So geht Politik in Österreich: Die SPÖ fordert die österreichweite Einführung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung. Die ÖVP kontert mit der Einführung einer Transparenzdatenbank. Es folgt ein langdauerndes, medial begleitetes, gegenseitiges Hick-Hack, in dem die Parteien versuchen, ihr Profil zu schärfen. Die einen agitierten für die Einführung eines sozialen Grundrechts für alle, die staatlicher Hilfe bedürfen. Gegen diese versuchten sich die anderen als Anwälte von Leistungsbereitschaft der Fleißigen und Tüchtigen in Stellung zu bringen. Dazwischen schert das Bundesland Kärnten aus einem bereits akkordierten Kompromiss aus, weil es damit von himmelschreienden Malversationen seiner politischen Elite abzulenken hofft. Und schließlich gibt es – rechtzeitig vor entscheidenden Landtagswahlen in der Steiermark und in Wien – doch noch eine Einigung per Junktimierung: Wir kassen gemeinsam die Förderung unserer Parteien außen vor; du stimmst meiner Mindestsicherung zu (und bringst deine Länder auf Linie) und dafür stimme ich deiner Transparentdatenbank zu (und tust dasselbe mit deinen Ländern).
Der wesentliche Vorteil dieser Form der Mindestsicherung liegt in einer weitgehenden Vereinheitlichung der Inanspruchnahme. Die Leistungen fallen nicht gerade üppig aus. Sie liegen zum Teil unter den aktuellen Sätzen für SozialhilfeempfängerInnen und belaufen sich auf € 744,- netto (für Paare sind es zusammen € 1.116,- netto) und werden entgegen ursprünglichen Plänen nur mehr 12-mal pro Jahr ausbezahlt.
Weniger präzise Informationen gibt es bislang für die Einführung der Transparenzdatenbank. Immerhin hat der Bund bereits zugesagt, alle seine Förderungen (entspricht 80 Prozent des Gesamtvolumens) bis spätestens 2011 in das neue System einzuspeisen. Damit hätten Behörden schon ab Anfang kommenden Jahres Einblick in die Daten, wer wie viel Förderung in Anspruch genommen hat. In der Folge ist aber auch vorgesehen, dass private InteressentInnen Einblick nehmen können.
Nun gibt es unter dem Titel „Transparenzdatenbank“ bereits seit geraumer Zeit eine Offenlegung der ZahlungsempfängerInnen von Direktzahlungen aus ländlichen Förderprogrammen. Der befürchtete Ausbruch heftiger Neidattacken ist ausgeblieben. Und doch stellt diese Transparentmachung von Einnahmen einen Kulturbruch in Österreich dar – im Gegensatz zu anderen Ländern wie Schweden, wo eine für jedermann einsehbare Steuererklärung längst eine Selbstverständlichkeit darstellt.
Da der Kunst- und Kulturbereich in besonderer Weise von öffentlicher Förderung lebt, bietet es sich an, sowohl die Mindestsicherung als auch die Transparenzdatenbank auf ihre „Kulturverträglichkeit“ hin zu überprüfen. Nun scheint es evident, dass man mit knapp 750 Euro keine großen Sprünge, in welche Richtung auch immer, machen kann. Teure Karten für Kulturveranstaltungen sind da nicht drin. Bleibt
„Hunger auf Kunst und Kultur“, eine private Initiative, die mithilft, finanzielle Barrieren für soziale Schwache abzubauen. Und dann gibt es auch noch einen expliziten Hinweis in den Anspruchsregelungen für künftige MindestsicherungsbezieherInnen, wonach zum Nachweis der Anspruchsberechtigung von einer Vorab-Verwertung von „Gegenständen für die Erwerbsausübung oder Befriedigung angemessener geistig-kultureller Bedürfnisse“ abgesehen werden kann.
Unmittelbare Auswirkungen wird die neue Regelung auf die berufliche Stellung von KünstlerInnen haben. Viele von ihnen verdienen schlecht und überdies unregelmäßig und leiten daraus den Anspruch auf spezielle Fördermaßnahmen ab. Jetzt wird es heißen: Schluss mit den Extrawürsteln. KünstlerInnen sind auch nur Menschen und kommen jetzt ohnehin in den Genuss der Mindestsicherung, die für sie wie für alle anderen als soziales Netz ausreichen muss.
Wie aber schauen die kulturellen Konsequenzen im Zusammenhang mit der Implementierung der Transparenzdatenbank aus? Nun gibt es bereits jetzt eine weitgehende Transparenz der Förderungsvergaben, wenn etwa im jährlichen Bundeskunstbericht jede einzelne Förderung im Nachhinein akribisch aufgelistet wird und auch die Kulturverwaltungen der Länder ähnliche Regelungen kennen. Die KünstlerInnen wissen also schon jetzt voneinander ganz genau, wer wann welche Förderung in Anspruch genommen hat. Und damit kennen sie auch die große Spannbreite zwischen wenigen höchst privilegierten Subventionsempfängern und den vielen anderen, die nehmen müssen, was übrig bleibt.
Diese Transparenz gibt es aber nicht für die KonsumentInnen des mit öffentlichen Förderungen produzierten Angebotes. Was wir wissen, ist der offenbar unverbrüchliche Zusammenhang von erreichtem Bildungsniveau und Kulturkonsum. Das aber bedeutet, dass mit dem Grad der Ausbildung die Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme eines öffentlich geförderten Kunst- und Kulturangebotes zunimmt. Da davon auszugehen ist, dass Hochgebildete eher in den Reihen der Begüterten als in denen der BezieherInnen der Mindestsicherung zu suchen sind, ergibt sich zwingend der Schluss, dass Kunst- und Kulturförderung, wie sie heute praktiziert wird, in der sozialen Schichtung ein beträchtliches Umverteilungspotential von unten nach oben darstellt. Damit ergibt sich im Rahmen der Kunst- und Kulturförderung die Paradoxie, dass ausgerechnet diejenigen, die eine Förderung am wenigsten brauchen, zu den größten NutznießerInnen zählen.
Beispiel gefällig: Jeder Sitzplatz einer Opernvorstellung im Theater an der Wien wird pro Vorstellung mit rund 240.-- Euro subventioniert. Ähnliche Berechnungen lassen sich für die großen Häuser der Bundestheater-Holding anstellen. Das aber bedeutet, dass jeder Besucher, der ganz regulär eine Eintrittskarte erwirbt, zusätzlich mit einem Betrag, der einem Drittel der monatlichen Mindestsicherung entspricht, gefördert wird. Flapsig gesagt: dreimal in die Oper und die Mindestsicherung für ein Monat ist herinnen.
Nun kann ich mir schon aus Datenschutzgründen nicht vorstellen, dass jeder Besucher bzw. jede Besucherin einer öffentlich geförderten Kulturveranstaltung künftig namentlich in einer Transparenzdatenbank aufscheint. Allemal möglich aber wäre es, auf jeder Eintrittskarte dieser hoch subventionierten Einrichtungen den Förderungsbetrag ersichtlich zu machen, der seitens des Staates aufgewendet wird, um den Besuch möglich zu machen. Bei den Hochgebildeten mag das nur ein schales Schmunzeln hervorrufen. Sie wissen ja ohnehin nur zu gut, was sie dem Staat wert sind.
Sollte sich aber einmal – vielleicht im Rahmen eines Vermittlungsprojektes – auch ein Kind oder ein Jugendlicher von Eltern, die mit der Mindestsicherung auskommen müssen, in eine derartig exorbitant geförderte Einrichtung verirren, dann könnte es ja sein, dass es sich zu wundern beginnt und zu fragen, wieso gerade diejenigen, die eine öffentlich geförderte Kulturveranstaltung besuchen, kulturpolitisch so privilegiert werden, während die anderen, die ohnehin schon mit Brosamen auskommen müssen, vielleicht aber auch einmal ein Konzert ihrer Lieblingsband besuchen wollen, leer ausgehen müssen.
Wenn schon nicht die amtierenden KulturpolitikerInnen, dann könnten wenigstens diejenigen, die diese Form der Datentransparenz in Händen halten, diese Ungleichbehandlung in einer auf die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen setzenden Gesellschaft als das Gegenteil hehrer kultureller Ideale erkennen: nämlich als ein sehr konkretes Unrecht. Und sie könnten auf die kulturpolitische Idee kommen, das bestehende System in Frage zu stellen. Sie könnten immerhin darauf verweisen, dass Veränderungen zumindest im Bereich der Museen möglich sind, wenn nach langen Verhandlungen seit Beginn dieses Jahres alle jungen Menschen bis 19 Jahre freien Zugang haben. Das aber wäre dann wohl gar nicht im Interesse derer, die sich zuletzt so sehr für die Transparenzdatenbank stark gemacht haben.
Michael Wimmer - 12. Jul, 10:30
In diesem Tagen brachte Ö1 ein berührendes Feature über die verschlungenen Wege des Autographs von Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Mahler selbst hatte diese eigenhändige Niederschrift der Vertonung eines Textes von Friedrich Rückert dem namhaften Wiener Musikwissenschafter Guido Adler anlässlich seines 50sten Geburtstages zugeeignet, der es zum Herzstück seiner umfangreichen Bibliothek machte.
Diese Bibliothek wurde während der Nazi-Zeit zu einem bevorzugten Objekt der Begehrlichkeit des Adler-Schülers und eifrigen Volksgenossen Erich Schenk, der 1940 die Nachfolge als Ordinarius des musikwissenschaftlichen Instituts antreten sollte. Um in den Besitz der Bibliothek zu gelangen, versicherte sich Schenk des Anwalts Richard Heiserer, der für eine rechtlich korrekte Form der Enteignung sorgte. Während Guido Adler wenige Tage vor seiner Delogierung starb, gelang es einem Teil der Familie, nach Amerika zu fliehen; seine Tochter Melanie hingegen, die ihre Schicksal eng mit dem der Bibliothek verbunden wusste, wurde nach Minsk verschleppt und umgebracht.
Erich Schenk konnte seine wissenschaftliche Karriere nach 1945 ungebrochen weiter verfolgen und dabei seine ungebrochene antisemitische Gesinnung ungestraft ausleben, wenn er in den 1950er und 1960er Jahren Dissertationsvorhaben zur Franz Schreker und Gustav Mahler mit dem Hinweis auf deren jüdische Abstammung ablehnte.
Auch der Anwalt Richard Heiserer hatte offensichtlich keine Probleme, seine rechtspflegerische Tätigkeit unter demokratischen Vorzeichen nahtlos fortzusetzen. Als er 1957 starb, vermachte er seinem Sohn zu einem beträchtlichen Vermögen eine unscheinbare graue Mappe, in der sich u. a. das Autograph befand, das für Guido Adler von so großer Bedeutung war. Aufgetaucht ist das wertvolle Stück erst zu Beginn des Jahres 2000, als der Sohn Richard Heiserer, der in der Zwischenzeit die Kanzlei seines Vaters übernommen hatte, die Absicht verfolgte, dieses bei Sotheby zu versteigern. Als ein Mitglied der emigrierten Familie Adler Rechtsansprüche anmeldete, einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss, wonach Tom Adler 28% des geschätzten Wertes an Heiserer junior bezahlte, um in dessen Besitz zu gelangen. Danach brachte Adler das Autographen selbst zur Versteigerung und damit zum Wiederverschwinden. Die heutigen Besitzer werden von Sotheby nicht benannt; das Autograph ist nicht öffentlich zugänglich.
Die gut recherchierte Geschichte erschien mir deshalb besonders berührend, weil sie mir das Unrecht, das zur Zerrüttung der Familie Adler geführt hat, konkret erfahrbar gemacht hat. Dass die Nazis skrupellos waren, das wissen wir. Aber dass es im letzten ganz konkrete Entscheidungen von Menschen zur Verwirklichung ihrer egoistischen Interessen waren, die zu Tod und Vertreibung geführt haben, das erzählt die Geschichte.
Und schafft Assoziationen zur Demonstration vom letzten Donnerstag „Genug ist genug!“, um gegen die Abschiebung des in Österreich verbliebenen Teils der Familie Zogaj zu demonstrieren. Allen TeilnehmerInnen ist klar, dass hier – Verfassungsgerichtshofurteil hin oder her – Unrecht geschieht. Aber wieder war es die ganz konkrete Geschichte der Familie Zogaj, die Pfarrer Friedl in seiner Rede nochmals hat Revue passieren lassen, die dieses Unrecht unmittelbar erfahrbar macht.
Niemand kann heute bestreiten, dass die Familie Zogaj Opfer des Krieges im Kosovo ist. Während aber viele KosovarInnen damals als Kriegsflüchtlinge nach Österreich kamen (und seither mehr oder weniger problemlos integriert wurden) hatte das Schicksal für diese Familie besondere Umstände parat. Sie floh in die andere Richtung, nach Albanien, und fand nach ihrer Rückkehr ein zerbomtes Haus und damit eine völlige Zerstörung ihrer Lebensumstände vor. Während der Vater alleine die Einreise nach Österreich versuchte, um hier 2001 um Asyl anzusuchen, stand die alleingelassene schwangere Mutter mit mehreren kleinen Kindern vor der schieren Überlebensfrage. Und sie wagte es ein Jahr später, ihrem Mann über Italien illegal nach Österreich zu folgen, weil sie keine andere Alternative sah. Wer wollte ihr daraus einen Vorwurf machen?
Und jetzt beginnt ein jahrelanger Spießrutenlauf und macht sie abhängig von der Mildtätigkeit von Menschen wie dem Pfarrer Friedl, der nicht nur davon berichtet, wie er versucht hat, die Familie zu beherbergen und finanziell über die Runden zu bringen sondern auch, wie er nach der Entscheidung, die Familie bei sich aufzunehmen, den barbarischen Hass einer aufgehetzten Meute, wie sie für den Nazi-Terror so bestimmend war, mit voller Härte zu spüren bekam, wenn sie die ihm Stricke zusandte und mit dem Tod bedrohte.
So, und jetzt erschöpft sich die Innenministerin in völliger Ausblendung dieser konkreten Umstände in einer Argumentation, nach der sie sich von „Rehaugen eines jungen Mädchens“ nicht beeindrucken lassen dürfe und „Recht Recht bleiben müsse“. Und ich denke an das Rechtsempfinden der Familie Heiserer, die äußerst erfolgreich auf den Wogen der jeweils herrschenden Rechtsauslegung geschwommen ist und auf der Grundlage eines aufgeputschten Menschenhasses die unverschuldete Existenzzerstörung und den Tod von Menschen zum eigenen Vorteil in Kauf genommen hat.
Nun ist Österreich heute keine Nazi-Diktatur und Maria Fekter nicht NS-Reichsinnenminister Wilhelm Frick. Aber gerade weil das gottseidank heute so ist, gehe ich davon aus, dass das bis heute unfassbare historische Unrecht, das vielen österreichischen BürgerInnen in der Zeit des Austro- und des Nationalsozialismus widerfahren ist, zu ganz besonderer Sensibilität gegenüber schuldlos in Not geratener Menschen zwingt.
Wenn ich aber die, in immer kürzeren Abständen erfolgenden Verschärfungen des Asyl- und Fremdenrechts verfolge, dann überkommt mich der Verdacht, dass die Losungen „Niemals vergessen!“ oder „Aus der Geschichte lernen“ zu rasch in die historischen Archive des Schweigens entsorgt worden sind. Wünschen würde ich mir statt dessen eine kollektive Manifestation historischer Erinnerung, die deutlich macht, dass die österreichische Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und ihr damit eine besondere Verantwortung auferlegt ist, die ganz unmittelbar etwas mit Empathie, mit Mitleidensfähigkeit zu tun hat; eine Fähigkeit, die wesentlich über gutes Zusammenleben entscheidet.
Pfarrer Friedl hat sich bei den TeilnehmerInnen der Demonstration dafür bedankt, weil sie mithelfen würden, das Schicksal der Familie Zogaj und mit ihr von vielen Leidensgenossen nicht zu vergessen. Dabei ist es seiner Zivilcourage zu vedanken, dass „die Zogajs der Welt nicht abhanden kommen“, sowie es dem Autograph passiert ist und den menschlichen Schicksalen, die dazu geführt haben.
Nicht nur Pfarrer Friedl, auch die MitschülerInnen von Arigona Zogaj haben deutlich gemacht, dass sie zu Empathie fähig sind. Das ist für mich eine große Ermutigung. Sie wollen, dass Arigona bleibt, weil sie das Leben mit ihr geteilt haben und weil sie gemeinsame Erfahrungen ihr haben. Das macht sie alle zu Arigonas und sie sind bereit, dass auch öffentlich zu zeigen. Wir sollten ihrem Beispiel folgen, schon um uns in der gegenwärtigen rechtlichen Verirrung nicht selbst abhanden zu kommen.
Michael Wimmer - 3. Jul, 12:15
Im Moment sieht es ganz so aus, als könnte die amtierende Bundesministerin Claudia Schmied als diejenige Bildungspolitikerin in Geschichte eingehen, die dem seit hundert Jahren währenden ideologischen Grabenkampf um eine längere gemeinsame Ausbildung junger Menschen ein Ende setzt. Die konservative Front der konservativen Befürworter einer institutionellen Benachteiligung junger Menschen bröckelt sichtbar. Dazu kommt eine bis her nicht gekannt
mediale Aufmerksamkeit zur Fragen der Schule, die die Ineffizienz der bestehenden Schulorganisation so deutlich macht, dass sich immer weniger überzeugende Argumente zu ihrer Aufrechterhaltung finden lassen. Da schaut eine Fraktion einfach nur mehr verbohrt und alt aus.
Die Bezeichnungen variieren noch. So brachte zuletzt die ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl den Vorschlag in die öffentliche Diskussion ein, ein „Gymnasium für alle“ zu etablieren, während die SPÖ ihre Hoffnungen auf ein möglichst flächendeckendes Angebot einer „Neuen Mittelschule“ setzt. Da die SPÖ bisher nicht wirklich zu einer überzeugenden Konzeption zur Stärkung der Universitäten gefunden hat, steht ein Kuhhandel zu befürchten, der darauf abzielt, die Wiedereinführung von Studiengebühren gegen eine gemeinsame Schule der 10 – 14 Jährigen einzutauschen.
In jedem Fall steht zu erwarten, dass in Zukunft ein immer größerer Teil der heranwachsenden Jugendlichen, egal welchen sozialen Hintergrund sie mitbringen, über einen längeren Zeitraum als bisher gemeinsam in der Schule verbringen werden. Sie werden dabei nicht nur von ihren LehrerInnen sondern auch voneinander zu lernen. Und doch zeigt sich nach wie vor ein beträchtlicher blinder Fleck, der die Diskussion über die konkreten Bedingungen eines gemeinsamen Unterrichts vermeidet. Immerhin ist zu erwarten, dass die Erfolgschancen einer künftigen gemeinsamen Schule wesentlich davon abhängen werden, wie und wohl auch was dort unterrichtet wird.
Auch wenn zuletzt schon mal von „Individualisierung“ die Rede war, die versucht, den besonderen Talenten aber auch Förderbedarf der einzelnen SchülerInnen Rechnung zu tragen, so stellt die Überwindung der engen curricularen Grenzen, die den jungen Menschen im 50 Minuten Takt die jeweiligen, aufeinander nur selten bezogenen Wissenspakete zur mentalen Verdauung auferlegt, noch immer die große Ausnahme dar. Und so reden wir weiterhin viel zu wenig über die längst überfällige Auflösung des getakteten Unterrichts als notwendige Voraussetzung eines stärker selbstbestimmten, erfahrungsorientierten Lernens. Und schweigen uns weiterhin darüber aus, wie Lernsetttings organisiert sein müssen, damit bislang getrennt unterrichtete SchülerInnen nicht nur formal sondern auch real eine gute, auf gegenseitige Wertschätzung beruhende Klassengemeinschaft bilden können. Das vielleicht auch deshalb, weil sich die Eltern einen solchen Umbau des ehernen Gehäuses Schule, auch wenn sie selbst schon darunter gelitten haben, gar nicht vorstellen können. Und wohl auch, weil viele Lehrkräfte auf diese neue Situation nicht vorbereitet sind, weil sie nicht wissen, wie sie mit Menschen unterschiedlicher sozialer Zugehörigkeit umgehen sollen und daher aus Angst vor Versagen auf möglichst frühe Selektion derer, mit denen sie arbeiten zu können meinen, drängen.
Die Hoffnung, dass eine gemeinsame Schule der 10 – 14jährigen nicht mehr die große Ausnahme sondern der Regelfall darstellt, hat möglicherweise auch große Auswirkungen auf die Unterrichtsinhalte. Es gehört zu den großen Paradoxien der österreichischen Bildungsdebatte, dass bereits in der Amtszeit von Bundesministerin Elisabeth Gehrer, einer großen Gegnerin der Gesamtschule, ein Wort identer Lehrplan für die AHS-Unterstufe und die Hauptsschule beschlossen wurde. Der aber sollte im schulischen Alltag zum Teil völlig unterschiedliche Umsetzungsformen finden, wohl mit ein Grund, warum das
gegenwärtige Schulsystem als besonders ungerecht empfunden wird,
Ein Problem liegt sicher in den traditionellen Vorstellungen von Allgemeinbildung als zentralem inhaltlichem Selbstverständnis der AHS. Formal darauf ausgelegt, die SchülerInnen auf ein universitäres Studium vorzubereiten, hat sie sich die längste Zeit in Abgrenzung gegenüber beruflichen Ausbildungserfordernissen definiert, die zuerst von der Hauptschule und dann von den Berufsbildenden Schulen abgedeckt werden sollten. Das hat dazu geführt, dass mittlerweile rund 80% der SchülerInnen ab dem 15 Lebensjahr eine Berufsbildende Schule besuchen und nur mehr eine vergleichsweise kleine Minderheit das Privileg für sich in Anspruch nehmen kann, sich als allgemein gebildet bezeichnen zu dürfen.
Schaut man freilich genauer hin, so lassen sich die Berufsbildenden Schulen immer weniger auf die engen Grenzen beruflicher Spezialisierung einengen; in ihrem Unterrichtsangeboten finden sich eine Menge allgemeinbildender Inhalte. Umgekehrt sind die klassischen AHS immer mehr gezwungen, sich inhaltliche Schwerpunkte zu geben, um sich in der wachsenden Standortkonkurrenz zu profilieren. Das aber bedeutet, dass nicht nur die AHS-Unterstufe und die Hauptschule aus vorwiegend sozialen Gründen aufeinander zu gehen müssen; es gibt auch immer mehr fachliche Gründe, die eine strikte Trennung von AHS-Oberstufe und Berufsbildende Schulen für zumindest fragwürdig erscheinen lassen.
In diesem Zusammenhang hat sich zuletzt der Philosoph Rudolf Burger am 12. Juni im Presse-Spektrum mit einem Beitrag
„Schluss mit dem Dekor!“ zu Wort gemeldet, in dem er den Begriff der Allgemeinbildung als rhetorische Pathosformel des liberalen Bürgertums des 19. Jahrhunderts decouvriert, der sich seit damals als Kampfbegriff gegen eine, als minderwertiger angesehene berufspraktische Ausbildung wendet. Diese Gegenüberstellung ist ihm ein Ergebnis eines reformpädagogisch geleiteten „Neuhumanismus“, der versucht, die „Bildung des Menschen“ gegen seine „Abrichtung zum Beruf“; „freie Bildung“ gegen Nützlichkeit und Verwendbarkeit, „Brodwissenschaften“ gegen das „wahre Wissen“ zu wenden. Die zum Teil heftigen Reaktionen haben gezeigt, dass sich eine Reihe von AHS-LehrerInnen unmittelbar angesprochen gefühlt hat. Immerhin stehen sie vor dem besonderen Problem, SchülerInnen auf deren berufliche Situationen vorbereiten zu sollen, die sie selbst nie kennen gelernt haben. Entsprechend muss ihre Vorbildwirkung sehr beschränkt bleiben. Umso wichtiger der Bedarf, sich als Verkörperung von Allgemeinbildung ideologisch abzusichern.
Die Grundbotschaft bleibt: Schule wird in Zukunft – so steht zu vermuten – allgemeinbildende und berufsbildende Lehr- und Lerninhalte wesentlich stärker aufeinander beziehen müssen, will sie einen Nutzen für die SchülerInnen, der über die Erzeugung sozialer Distinktionsgewinne hinausreicht, erbringen. Die Organisation einer gemeinsamen Schule der 10 bis 15 Jährigen ist dafür nur eine, wenn auch wichtige Vorbedingung; entscheidend aber wird sein, welche Lehr- und Lernkultur die, einander bislang fremden, nunmehr aufeinander verwiesenen SchülerInnen und LehrerInnen zu etablieren vermögen; vereinfacht, was sie einander wie zu sagen und zu vermitteln haben.
P.S.:
Demonstration gegen die Abschiebung der Familie Zogaj: 1. Juli 2010, 18:30 Heldenplatz
Michael Wimmer - 28. Jun, 15:20