Österreich 2020 Oder Über das Glück der leeren Selbstzelebration zur Produktion sozialer Ungleichheit
„Von Bruno Kreisky lernen“ Mit diesem kühnen Motto eröffnete der amtierende SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler Werner Faymann die Auftaktveranstaltung „Österreich 2020“ im Wiener MuseumsQuartier. Die Absicht des damaligen Parteivorsitzenden war es, 1400 ExpertInnen einzuladen, „ein Stück des Weges mitzugehen “in der Hoffnung, damit die SPÖ zu einer breiten Reformbewegung weiter zu entwickeln.
Vierzig Jahre später soll nun diese Übung wiederholt werden. Es gälte – so Faymann – zusammen mit Fachleuten aller Richtungen die großen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern und nicht sie zu beweinen. Darüber hinaus sei es ihm ein besonderes Anliegen, die Partei in Zeiten wachsender Ungleichheit als politische Kraft zur Wahrung von Gerechtigkeit zu positionieren.
Viele waren in den trendigen Veranstaltungsort gekommen, aus der Sicht der Veranstalter offenbar viel zu viele. Also musste selektiert werden: Während die einen die Redebeiträge auf Bildschirmen in der Ovalhalle mitverfolgen sollten, kamen andere in den Genuss von Ausweisen, der ihnen den direkten Zugang in die Arena ermöglichte. Auch hier wurde nochmals eine Differenzierung vorgenommen zwischen denen, denen ein Sitzplatz zugewiesen wurde und solchen, die die rund zweistündige Veranstaltung stehend verbringen sollten.
Auf diese Versuche der sozialen Trennung und Zuordnung der BesucherInnen hinzuweisen, mag fürs erste nebensächlich oder gar lächerlich erscheinen. Auch andere Veranstalter setzen mittlerweile auf VIP-Lounches zur Produktion sozialer Distinktionsgewinne bevorzugter Zielgruppen. Nun handelte es sich aber bei dieser Veranstaltung weder um eine Präsentation von Produkten für Neureiche noch um ein Rockkonzert oder um ein Fußballspiel sondern um einen symbolischen Akt einer Partei, die – jedenfalls in der Zeit Bruno Kreiskys – als eine Kulturbewegung für eine Verbesserung der Partizipationschancen möglichst aller BürgerInnen angetreten war.
Absicht oder Ignoranz: Mit dieser Form der Inszenierung gelang es den Organisatoren weit sinnfälliger als mit den altbekannten politischen Positionen und Einschätzungen, die vom Podium aus geäußert wurden, deutlich zu machen, um was es wirklich ging: Um die Selbstinszenierung einer nach wie vor weitgehend männlich dominierten Gruppe von Günstlingen, die vor allem eines will, ihren Macht- und Einflussbereich halten und ausbauen, und daher eines sicher nicht sein kann und will, offen und gesprächsbereit gegenüber anderen sein.
Man muss sie gesehen haben, wie sie einander übertrieben überschwänglich begrüßen und dann beim Wegdrehen des Kopfes ihr Gesicht gefrieren lassen; wie sich eine junge Funktionsschicht in aristokratischen Attitüden übt und wie sich die wenigen Frauen als von allen Seiten betatschter Aufputz gerieren. Daneben kauern einige alte Herren wie Heinz Kienzl und Beppo Mauhart, die die Kreisky-Ära wesentlich mitbestimmt haben auf wackeligen Kamerapodesten, ohne dass sie von den übrigen Besuchern auch nur zur Kenntnis genommen würden; Erwin Lanc und Peter Jankowitsch bekamen immerhin Sitzplätze zugewiesen.
Die Beschwörung Kreiskys hin oder her: Hier zelebrierte eine soziale Gruppe im Eindruck der eigenen Wichtigkeit einen inferioren Elitismus, der sie längst jede Bodenhaftung in Bezug auf historisch entwickelte politische Inhalte verlieren hat lassen. Die Chancen, mit solchen Umgangsformen eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, sind gleich Null. Da können noch so viele ExpertInnen noch so viele Stapel an Arbeitspapieren produzieren. Sie werden, wie alle bisherigen Bemühungen von gut gesinnten Fachleuten, zu einer inhaltlichen Renaissance beizutragen, ohne ernst zunehmende Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsträgern rasch den Weg in die Schubladen der Parteizentrale finden.
Der letzte Grund, dieser Gruppe Akzeptanz zu verschaffen, ist ihre Rolle als kleineres Übel. Zwar ist auch diese Legitimation schon ziemlich in die Jahre gekommen: Aber Strache mit der Rosenkranz ante portas weckt Erinnerungen, dass der antifaschistische Kampf gegen soziale Ausgrenzung lange zu den Grundwerten der SPÖ gehört hat; auch wenn heute die Rolle Kreiskys bei der Integration der FPÖ in das politische System kritischer gesehen wird als während seiner Amtszeit.
Inmitten dieser selbstgefälligen Clique wächst der Verdacht, dass die historisch gepflegten Gegenkräfte längst aufgebraucht sind und sich auch mit Hilfe von, vor allem für den medialen Transport gedachte rhetorische Übungen inmitten einer geduldigen Claque nicht wieder werden beleben lassen. Statt dessen produziert die gegenwärtige SPÖ-Führung mit der Art der Ausrichtung solcher Veranstaltungen genau die soziale Haltung mit, die sie vorgibt, politisch bekämpfen zu wollen.
Von Gerechtigkeit war jedenfalls nichts zu spüren; mehr schon das Gefühl, dass auch bei der SPÖ die Haltung „management by producing social hierarchies“ angekommen ist.
Österreich geht schweren Zeiten entgegen – „Österreich 2020“ ist dafür mehr Beleg als Gegenmittel.
Vierzig Jahre später soll nun diese Übung wiederholt werden. Es gälte – so Faymann – zusammen mit Fachleuten aller Richtungen die großen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern und nicht sie zu beweinen. Darüber hinaus sei es ihm ein besonderes Anliegen, die Partei in Zeiten wachsender Ungleichheit als politische Kraft zur Wahrung von Gerechtigkeit zu positionieren.
Viele waren in den trendigen Veranstaltungsort gekommen, aus der Sicht der Veranstalter offenbar viel zu viele. Also musste selektiert werden: Während die einen die Redebeiträge auf Bildschirmen in der Ovalhalle mitverfolgen sollten, kamen andere in den Genuss von Ausweisen, der ihnen den direkten Zugang in die Arena ermöglichte. Auch hier wurde nochmals eine Differenzierung vorgenommen zwischen denen, denen ein Sitzplatz zugewiesen wurde und solchen, die die rund zweistündige Veranstaltung stehend verbringen sollten.
Auf diese Versuche der sozialen Trennung und Zuordnung der BesucherInnen hinzuweisen, mag fürs erste nebensächlich oder gar lächerlich erscheinen. Auch andere Veranstalter setzen mittlerweile auf VIP-Lounches zur Produktion sozialer Distinktionsgewinne bevorzugter Zielgruppen. Nun handelte es sich aber bei dieser Veranstaltung weder um eine Präsentation von Produkten für Neureiche noch um ein Rockkonzert oder um ein Fußballspiel sondern um einen symbolischen Akt einer Partei, die – jedenfalls in der Zeit Bruno Kreiskys – als eine Kulturbewegung für eine Verbesserung der Partizipationschancen möglichst aller BürgerInnen angetreten war.
Absicht oder Ignoranz: Mit dieser Form der Inszenierung gelang es den Organisatoren weit sinnfälliger als mit den altbekannten politischen Positionen und Einschätzungen, die vom Podium aus geäußert wurden, deutlich zu machen, um was es wirklich ging: Um die Selbstinszenierung einer nach wie vor weitgehend männlich dominierten Gruppe von Günstlingen, die vor allem eines will, ihren Macht- und Einflussbereich halten und ausbauen, und daher eines sicher nicht sein kann und will, offen und gesprächsbereit gegenüber anderen sein.
Man muss sie gesehen haben, wie sie einander übertrieben überschwänglich begrüßen und dann beim Wegdrehen des Kopfes ihr Gesicht gefrieren lassen; wie sich eine junge Funktionsschicht in aristokratischen Attitüden übt und wie sich die wenigen Frauen als von allen Seiten betatschter Aufputz gerieren. Daneben kauern einige alte Herren wie Heinz Kienzl und Beppo Mauhart, die die Kreisky-Ära wesentlich mitbestimmt haben auf wackeligen Kamerapodesten, ohne dass sie von den übrigen Besuchern auch nur zur Kenntnis genommen würden; Erwin Lanc und Peter Jankowitsch bekamen immerhin Sitzplätze zugewiesen.
Die Beschwörung Kreiskys hin oder her: Hier zelebrierte eine soziale Gruppe im Eindruck der eigenen Wichtigkeit einen inferioren Elitismus, der sie längst jede Bodenhaftung in Bezug auf historisch entwickelte politische Inhalte verlieren hat lassen. Die Chancen, mit solchen Umgangsformen eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, sind gleich Null. Da können noch so viele ExpertInnen noch so viele Stapel an Arbeitspapieren produzieren. Sie werden, wie alle bisherigen Bemühungen von gut gesinnten Fachleuten, zu einer inhaltlichen Renaissance beizutragen, ohne ernst zunehmende Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsträgern rasch den Weg in die Schubladen der Parteizentrale finden.
Der letzte Grund, dieser Gruppe Akzeptanz zu verschaffen, ist ihre Rolle als kleineres Übel. Zwar ist auch diese Legitimation schon ziemlich in die Jahre gekommen: Aber Strache mit der Rosenkranz ante portas weckt Erinnerungen, dass der antifaschistische Kampf gegen soziale Ausgrenzung lange zu den Grundwerten der SPÖ gehört hat; auch wenn heute die Rolle Kreiskys bei der Integration der FPÖ in das politische System kritischer gesehen wird als während seiner Amtszeit.
Inmitten dieser selbstgefälligen Clique wächst der Verdacht, dass die historisch gepflegten Gegenkräfte längst aufgebraucht sind und sich auch mit Hilfe von, vor allem für den medialen Transport gedachte rhetorische Übungen inmitten einer geduldigen Claque nicht wieder werden beleben lassen. Statt dessen produziert die gegenwärtige SPÖ-Führung mit der Art der Ausrichtung solcher Veranstaltungen genau die soziale Haltung mit, die sie vorgibt, politisch bekämpfen zu wollen.
Von Gerechtigkeit war jedenfalls nichts zu spüren; mehr schon das Gefühl, dass auch bei der SPÖ die Haltung „management by producing social hierarchies“ angekommen ist.
Österreich geht schweren Zeiten entgegen – „Österreich 2020“ ist dafür mehr Beleg als Gegenmittel.
Michael Wimmer - 6. Mrz, 13:49

