Samstag, 6. März 2010

Österreich 2020 Oder Über das Glück der leeren Selbstzelebration zur Produktion sozialer Ungleichheit

„Von Bruno Kreisky lernen“ Mit diesem kühnen Motto eröffnete der amtierende SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler Werner Faymann die Auftaktveranstaltung „Österreich 2020“ im Wiener MuseumsQuartier. Die Absicht des damaligen Parteivorsitzenden war es, 1400 ExpertInnen einzuladen, „ein Stück des Weges mitzugehen “in der Hoffnung, damit die SPÖ zu einer breiten Reformbewegung weiter zu entwickeln.

Vierzig Jahre später soll nun diese Übung wiederholt werden. Es gälte – so Faymann – zusammen mit Fachleuten aller Richtungen die großen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern und nicht sie zu beweinen. Darüber hinaus sei es ihm ein besonderes Anliegen, die Partei in Zeiten wachsender Ungleichheit als politische Kraft zur Wahrung von Gerechtigkeit zu positionieren.

Viele waren in den trendigen Veranstaltungsort gekommen, aus der Sicht der Veranstalter offenbar viel zu viele. Also musste selektiert werden: Während die einen die Redebeiträge auf Bildschirmen in der Ovalhalle mitverfolgen sollten, kamen andere in den Genuss von Ausweisen, der ihnen den direkten Zugang in die Arena ermöglichte. Auch hier wurde nochmals eine Differenzierung vorgenommen zwischen denen, denen ein Sitzplatz zugewiesen wurde und solchen, die die rund zweistündige Veranstaltung stehend verbringen sollten.

Auf diese Versuche der sozialen Trennung und Zuordnung der BesucherInnen hinzuweisen, mag fürs erste nebensächlich oder gar lächerlich erscheinen. Auch andere Veranstalter setzen mittlerweile auf VIP-Lounches zur Produktion sozialer Distinktionsgewinne bevorzugter Zielgruppen. Nun handelte es sich aber bei dieser Veranstaltung weder um eine Präsentation von Produkten für Neureiche noch um ein Rockkonzert oder um ein Fußballspiel sondern um einen symbolischen Akt einer Partei, die – jedenfalls in der Zeit Bruno Kreiskys – als eine Kulturbewegung für eine Verbesserung der Partizipationschancen möglichst aller BürgerInnen angetreten war.

Absicht oder Ignoranz: Mit dieser Form der Inszenierung gelang es den Organisatoren weit sinnfälliger als mit den altbekannten politischen Positionen und Einschätzungen, die vom Podium aus geäußert wurden, deutlich zu machen, um was es wirklich ging: Um die Selbstinszenierung einer nach wie vor weitgehend männlich dominierten Gruppe von Günstlingen, die vor allem eines will, ihren Macht- und Einflussbereich halten und ausbauen, und daher eines sicher nicht sein kann und will, offen und gesprächsbereit gegenüber anderen sein.

Man muss sie gesehen haben, wie sie einander übertrieben überschwänglich begrüßen und dann beim Wegdrehen des Kopfes ihr Gesicht gefrieren lassen; wie sich eine junge Funktionsschicht in aristokratischen Attitüden übt und wie sich die wenigen Frauen als von allen Seiten betatschter Aufputz gerieren. Daneben kauern einige alte Herren wie Heinz Kienzl und Beppo Mauhart, die die Kreisky-Ära wesentlich mitbestimmt haben auf wackeligen Kamerapodesten, ohne dass sie von den übrigen Besuchern auch nur zur Kenntnis genommen würden; Erwin Lanc und Peter Jankowitsch bekamen immerhin Sitzplätze zugewiesen.

Die Beschwörung Kreiskys hin oder her: Hier zelebrierte eine soziale Gruppe im Eindruck der eigenen Wichtigkeit einen inferioren Elitismus, der sie längst jede Bodenhaftung in Bezug auf historisch entwickelte politische Inhalte verlieren hat lassen. Die Chancen, mit solchen Umgangsformen eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, sind gleich Null. Da können noch so viele ExpertInnen noch so viele Stapel an Arbeitspapieren produzieren. Sie werden, wie alle bisherigen Bemühungen von gut gesinnten Fachleuten, zu einer inhaltlichen Renaissance beizutragen, ohne ernst zunehmende Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsträgern rasch den Weg in die Schubladen der Parteizentrale finden.

Der letzte Grund, dieser Gruppe Akzeptanz zu verschaffen, ist ihre Rolle als kleineres Übel. Zwar ist auch diese Legitimation schon ziemlich in die Jahre gekommen: Aber Strache mit der Rosenkranz ante portas weckt Erinnerungen, dass der antifaschistische Kampf gegen soziale Ausgrenzung lange zu den Grundwerten der SPÖ gehört hat; auch wenn heute die Rolle Kreiskys bei der Integration der FPÖ in das politische System kritischer gesehen wird als während seiner Amtszeit.

Inmitten dieser selbstgefälligen Clique wächst der Verdacht, dass die historisch gepflegten Gegenkräfte längst aufgebraucht sind und sich auch mit Hilfe von, vor allem für den medialen Transport gedachte rhetorische Übungen inmitten einer geduldigen Claque nicht wieder werden beleben lassen. Statt dessen produziert die gegenwärtige SPÖ-Führung mit der Art der Ausrichtung solcher Veranstaltungen genau die soziale Haltung mit, die sie vorgibt, politisch bekämpfen zu wollen.

Von Gerechtigkeit war jedenfalls nichts zu spüren; mehr schon das Gefühl, dass auch bei der SPÖ die Haltung „management by producing social hierarchies“ angekommen ist.

Österreich geht schweren Zeiten entgegen – „Österreich 2020“ ist dafür mehr Beleg als Gegenmittel.

Sonntag, 28. Februar 2010

Was macht uns eigentlich so sicher, dass es sich nicht wiederholt oder Als Bürger aus Röthis die Abschiebung einer kosovarischen Familie verhinderten

In diesen Tagen spazierte ich in der Wiener Innenstadt. In manchen Seitengassen gibt es sie noch, die dunklen Fensterhöhlen in den alten Häusern, die abschrecken und zugleich neugierig machen, was sich dahinter wohl verbirgt. Ob es heute noch möglich wäre, massenhafte Zwangsräumungen durchzuführen, ohne dass die Nachbarn etwas bemerkt haben wollen, frage ich meine Frau. Wahrscheinlich schon, meint sie, vor allem wenn die Menschen Angst haben und die politische Indoktrination funktioniert. Immerhin haben sich während der Nazizeit viele persönliche Vorteile versprochen, wenn sie andere vernadert und angezeigt haben. Wenn die Nachbarn dann aber von der Gestapo abgeholt wurden, dann wollten sie dafür keine Verantwortung übernehmen. Also haben sie weggeschaut und von nicts etwas gewußt

Als Jugendlicher habe ich einmal meine Tante gefragt, ob sie von den gewaltsamen „Säuberungen“ gemerkt habe. Sie wollte mir nicht wirklich Auskunft geben. Schließlich erzählte sie, einmal sei sie am Nordbahnhof-Gelände vorbeigegangen. Und da habe sie Klagen und Schreie aus dort abgestellten Güterwaggons gehört. Sie habe aber nichts machen können und so sei sie halt weiter gegangen.
Erst jetzt – anlässlich der öffentlichen Erregung rund um das Stück von Franzobel „Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes“ – erinnere ich mich, dass meine Tante zwar Hitler keinen Brief mit der Bitte um eine Ausnahmeregelung für ihren jüdischen Ehemann geschrieben hat, diesem dafür aber ins Exil in den Libanon gefolgt ist, um dort das Kriegsende in einem britischen Konzentrationslager zu erwarten.

Mit fallen diese Details ein, weil ich jüngst eine Podiumsdiskussion der SPÖ-nahen Kulturpolitischen Gesellschaft zu den Auswirkungen der Finanzkrise auf den Kulturbetrieb besucht habe, in der Franz Schuh – das Thema in freier Assoziation hinter sich lassend – die Frage aufwarf, was uns eigentlich so sicher mache, dass sich der Rückfall in die Barbarei nicht auch in Österreich wiederholen könnte.

Von vielen BesucherInnen wurde allein das Stellen einer solchen Frage als eine Provokation empfunden. Immerhin wurden die meisten der Anwesenden - so meine Vermutung – im Geist des Antifaschismus und der Losung „Nie mehr wieder!“ sozialisiert. Und wer wollte schließlich verneinen, dass Österreich demokratisch regiert wird und es die Freiheit gibt, Menschenrechtsverletzungen, welcher Art auch immer, an die Öffentlichkeit zu bringen.

Ich gebe zu, mich persönlich hat die Frage von Franz Schuh beunruhigt. Immerhin verengte sich zuletzt die öffentliche Debatte immer mehr auf den Anspruch, wer das Recht haben soll, sich auf Grund bestimmter sozialer, ethischer religiöser oder kultureller Merkmale in Österreich aufzuhalten, und wer nicht. Das mittlerweile seit rund zwanzig Jahren währende permanente Trommelfeuer einer politisch geschürten Fremdenfeindlichkeit zeigt ganz offensichtlich Wirkung und hat mittlerweile auch in den Köpfen und Herzen traditionell antifaschistischer ÖVP- und SPÖ-Wähler seine Spuren hinterlassen. Konservative ÖVP-Hardliner, die das politische Feld zwischen sich und der FPÖ möglichst klein halten wollen, versuchen, die mittlerweile nicht mehr nur latent vorhandene sondern patriotisch-stolz vor sich hergetragene xenophober Ressentiments von sozial und ökonomisch verunsicherten Teilen der Bevölkerung auf ihre Mühlen zu leiten. Das ist historisch durchaus konsequent, wenn diese Partei in einer langen Tradition der politischen Konstruktion eines reinen Österreichertums steht, wie dieses im Austrofaschismus seine prägendste Form gefunden hat.

Dem gegenüber stand traditionell eine SPÖ, die sich irgend wann einmal in ihrem wichtigsten Kampflied den politischen Zusammenhang von Internationalität und Menschenrechten auf ihrem Fahnen geschrieben hat. Sie hat es seit dem Aufstieg von Jörg Haider und seiner Ein-Thema-Partei verabsäumt, ein ihren Grundsätzen entsprechendes und überzeugendes Integrationskonzept vorzulegen. Mit dem Ergebnis, dass heute führende Vertreter der Partei, zur Zeit an vorderster Front Hans Niessl im Burgenland. Dessen BürgerInnen waren lange Zeit stolz darauf, mit ihren Minderheiten anders umzugehen als das Nachbarland Kärnten. Heute betreibt ihr Landeshauptmann auf dem Rücken der Allerschwächsten Wahlkampf. Niessl nimmt damit in Kauf, dass Ayslsuchende, die in ihren Heimaten mit Verfolgung und Tod bedroht sieht, ungeachtet der vielen verschiedenen Einzelschicksale ihrer Gesamtheit kriminalisiert werden. Das ist ein Skandal.

Aber das sind ja noch die Medien, die mit ihrer kritischen Berichterstattung wesentlich zu kritischen Hygiene der österreichischen Demokratie beitragen. Und in der Tat gibt es Einzelkämpfer wie Hans Rauscher im Standard, die jeden Tag aufs Neue gegen Haltungsverlust und damit für die Aufrechterhaltung von Mindeststandards in der öffentlichen Kommunikation anschreiben. Und auch die Würdigung von Arigona Zogaj als „Mensch des Jahres“ durch das Magazin profil, die ein heftiges Publikumsecho gefunden hat, gehört in diese Kategorie.

Eine solche humanistische Haltung in den Medien ist mittlerweile die Ausnahme. In der heutigen Kronen-Zeitung, die stolz darauf ist, ihren Lesern nach dem Mund zu reden, findet sich als ein gutes Beispiel ein Kommentar von Peter Gnam zur Asyldebatte. Dort beklagt er die lange Dauer von Asylverfahren, wodurch der „Staat – sprich wir Steuerzahler - gezwungen werden, Asylwerber durchzufüttern, egal, ob es sich letzten Endes um Schwindler handelt, was ja auch meistens der Fall ist“.

Dieser Ansicht versteht sich mittlerweile offenbar als ein common sense auch bei den zur Zeit politisch Verantwortlichen. Anders ist es nicht zu verstehen, wenn die Regierungsparteien diese ausgrenzende Haltung des Boulevards mit Millionen schweren Inseratenkampagnen honorieren. Derart korrumpiert haben sie damit den Kampf um eine, auf humane Wertvorstellungen gründende Meinungsbildung bereits aufgegeben, bevor sie ihn überhaupt begonnen haben. Aber seit dem Brief Werner Faymanns an Hans Dichand sollten wir von vorne herein keine offensivere Haltung mehr erwarten.

Gegen diesen Verlust an politischen Perspektiven, der Schuhs Frage überhaupt erst möglich macht, steht das Engagement einzelner BürgerInnen, deren Zivilcourage sich abhebt von der wachsenden politischen Depression.

Als beeindruckendes Beispiel dient dafür Pfarrer Friedl aus Ungenach, dessen rückhaltlose Unterstützung der Familie Zogaj wesentlich dazu beigetragen hat, die örtliche Bevölkerung zu ermutigen hinzuschauen und sich – jedenfalls in der ersten Phase der Auseinandersetzungen - für ihre langjährigen MitbewohnerInnen auszusprechen. Vieles davon hat politischer Ranküne – zu dessen Opfer Friedl auch persönlich zu werden drohte – zunichte gemacht. Geblieben ist die Beispielswirkung einer souveränen Haltung, die sich kollektiven Forderungen nach Diskriminierung und Menschenverachtung entgegen stellt.

Und da die kleine Meldung aus den jüngsten Tagen, wonach rund 30 BürgerInnen aus Röthis Vorarlberg versucht hätten, eine für vier Uhr früh angesetzte polizeiliche Abschiebung einer vierköpfigen Flüchtlingsfamilie mit Kindern im Alter von drei und fünf Jahren aus dem Kosovo zu verhindern. Auf Grund der zahlreichen Proteste der örtlichen Bevölkerung auch aus den Nachbargemeinden musste die Aktion abgebrochen werden.

Ihnen gilt meine Anerkennung und Hochachtung!

Nein, Franz Schuh, eine Provokation war die Frage nicht. Aber diese Fälle ermutigen mich zu entgegnen, dass es heute Menschen gibt, die sich auch heute (noch) öffentlich zu einem „Nie wieder!“ bekennen (und dafür bereit sind, zum Teil sehr unangenehme Konsequenzen zu tragen). Couragierte EinzelbürgerInnen hat es während der Nazi-Zeit auch gegeben. Deshalb muss die Einschätzung, wie sehr die permanenten Attacken einer rechten Populismus mit dem Anspruch, das Eigene und das Fremde zu trennen bzw. das Fremde als schädlich auszumerzen einer alternativlos gewordenen conditio sine qua non innerhalb des gegenwärtigen politischen Systems und damit zur zentralen Handlungsanleitung der politischen Akteure geworden ist, offen bleiben. Eine Antwort darauf wird der weitere Verlauf des Wiener Wahlkampfs sein.

Für mich hängt die Beantwortung auch von der Tagesverfassung ab bzw. davon ab, wie dunkel sie erscheinen, die Fensterhöhlen in den Gassen der Innenstadt. Aber allein, dass sich nicht sofort die Antwort „Nein, eine Wiederholung kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!“ vordrängt, verschafft mir beträchtliches Unbehagen.

Sonntag, 21. Februar 2010

Warum die KulturpolitikerInnen in Holland Fragen stellen und Warum sich ihre österreichischen KollegInnen darauf beschränken, in rhetorischen Endlosschleifen zu behaupten, man könnte, man sollte oder man müsste......

EDUCULT ist zur Zeit an einer Grundtvig Lernpartnerschaft beteiligt, die sich mit den kulturpolitischen Konsequenzen, die sich aus dem demographischen Wandel in ausgewählten europäischen Städten ergeben, beschäftigt. Dazu hat die Initiative Kosmopolis die Partnerinstitutionen aus Krakau, Essen und Wien nach Rotterdam eingeladen, um hautnah mitzuerleben, was eine Stadt mit einem Migrationsanteil von 46% konkret tut, um eine an Diversität orientierte Kulturpolitik praktisch umzusetzen.

Vorgestellt wurde uns eine Reihe von Projekten, die allesamt darauf hinauslaufen, Kunst dazu zu nutzen, die BewohnerInnen von Rotterdam mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen neugierig zu machen auf die Lebensweisen ihrer MitbewohnerInnen: Die Methoden reichen von Photoausstellungen von Einblicken in das Leben von türkischstämmigen RotterdamerInnen von Otto Snoek im öffentlichen Raum über die Organisation inter-religiöser Chöre, der Produktion eines Theaterstücks mit dem Titel „Schlafen mit den Nachbarn“ bis zur interaktiven Nutzung der digitalen Medien.

Unser Hauptbefund: Die Rotterdamer Kulturpolitik hat ganz offensichtlich keine Berührungsängste, wenn es um kulturelle Aktivitäten für und mit ZuwanderInnen geht, in der Hoffnung, damit einerseits die verschiedenen kulturellen Potentiale zu pflegen und andererseits diese zur sozialen Integration zu nutzen.

Womit wir auch schon bei den Unterschieden wären. In Wien beträgt der Anteil an BerwohnerInnen mit Migrationshintergrund zwar erst 35% (in den Volksschulen aber bereits mehr als 50%). Das Wort „Diversität“ ist mir im kulturpolitischen Kontext jedenfalls noch nicht untergekommen. Der Anspruch auf Internationalität realisiert sich hierorts in erster Linie im Außenbild, mit dem der Wiener Kulturbetrieb versucht, zahlungskräftige Gäste aus allen Teilen der Welt nach Wien zu bringen. Die Wiener Bevölkerung selbst wird nach wie vor einerseits als eine homogene Gruppe naturhaft interessierter Kulturkonsumenten im Ausmaß von 3 – 5% und andererseits als große Mehrheit desinteressierter Ignoranten antizipiert. Die wenigen Versuche wie SOHO Ottakring, die sich darum bemühen, die aktive Teilnahme von ZuwanderInnen am kulturellen Leben der Stadt zu stimulieren, bestätigen als exotische Ausnahme die Regel.

Diese Form der kulturpolitischen Ignoranz, um nicht zu sagen kulturelle Realitätsverweigerung fand seine Bestätigung bei einem Besuch bei Cultuurnetwerk Nederland , dem nationalen Expertise Center zu künstlerischer und kultureller Bildung in den Niederlanden.
Das Institut besteht aus rund 40 FachexpertInnen und versteht sich in erster Linie als eine Sammel- und Distributionseinrichtung relevanter Forschungsergebnisse zu kultureller Bildung, die für die einzelnen Akteursgruppen umfassend aufbereitet werden. Dass in den Niederlanden zu kultureller Bildung umfassend geforscht wird, beweist u. a. der Bibliotheksbestand von Cultuurnetwerk, der über 30 000 Bänder umfasst. Darüber hinaus bieten gleich mehrere Websites den barrierefreien Zugang zu allen relevanten Informationen.

Spätestens als uns die KollegInnen davon berichteten, dass sie regelmäßig die kulturpolitisch Verantwortlichen von Städten, Regionen und auch des Bildungs- und Kulturministeriums um Rat gefragt würden, wurden wir stutzig. Was bringt Kulturpolitik und Kulturverwaltung dazu, sich in Sachen kultureller Bildung systematisch beraten zu lassen? Und in welcher Weise hat diese Beratung dann auch noch Konsequenzen für kulturpolitische Entscheidungsprozesse?

Ganz einfach, lautete die Antwort: Alle Gebietskörperschaften haben den Auftrag, der Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen Pläne zur Umsetzung kultureller Bildungsmaßnahmen in Form von Agendas und Codes vorzulegen und diese nach Ablauf der Planungsperiode im Hinblick auf die Erreichung der beabsichtigten Ziele evaluieren zu lassen. Kulturpolitik und Verwaltung würden oft nicht über genügend Erfahrung verfügen, solche Pläne zu konzipieren und zu implementieren. Also würden sie Fachleute, wie die von Cultuurnetwerk Nederland beiziehen, um auf diese Weise bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

Offenbar wird es in den Niederlanden, das lange Zeit als liberales Aushängeschild Europas gegolten hat, nicht als ungerechtfertigter Versuch staatlicher Einmischung in die kulturellen Angelegenheiten der Gesellschaft gesehen, wenn die Kulturpolitik nach einem breiten öffentlichen Diskurs Kulturentwicklungspläne ausarbeitet, damit mittelfristige Schwerpunktsetzungen vorgibt und dann auch noch versucht, diese mit geeigneten Maßnahmen (z.B. Vorgaben zur Finanzierung von Kultureinrichtungen) umzusetzen.

In Österreich, wo zuletzt Kultur- und Kunstministerin Schmied in einem ihrer KulturTalks einmal mehr die obrigkeitshörige Haltung des Kunst- und Kulturbetriebs kritisiert hat, herrscht nach wie vor ein beeindruckender institutioneller Narzissmus, der personelle Entscheidungen zum einzigen kulturpolitischen Steuerungsmöglichkeit verengt. Kulturpolitik schreckt in der Regel davor zurück, entsprechende Vorgaben zu machen weil sie befürchtet, diese würden als Anschlag gegen die künstlerischer Freiheit abgeschmettert. Dies aber würde zu einem Eingeständnis politischer Schwäche führen, den es um fast jeden Preis zu vermeiden gilt. Das Ergebnis ist, dass es auch den öffentlich finanzierten Kunst- und Kultureinrichtungen nach wie vor völlig frei steht, der wachsenden Diversität der Wiener bzw. der österreichischen Bevölkerung Rechnung zu tragen – oder eben nicht.

Perpetuiert wird damit eine kulturelle Spielwiese für eine kleine Gruppe von damit hoch privilegierten Nutznießern, während sich die kulturelle Partizipation des überwiegenden Rests der Bevölkerung nolens volens auf den Konsum des Privatfernsehens beschränkt. Allen, die sich angesichts dieser österreichischen kulturpolitischen Realitäten nach Alternativen sehnen, sei ein Blick in den aktuellen Vierjahresplan des Niederländischen Bildungs-, Kultur und Wissenschaftsministerium mit dem Titel: „Art for Life’s Sake – Dutch Cultural Policy in Outline“ empfohlen. Unter dem Motto: „The government must ensure that everyone is given the opportunity to participate in society as cultural citizens“ widmet sich einer der vier Schwerpunkte dem Anliegen, mit Hilfe von kultureller Partizipation eine breitere Basis für Kultur zu schaffen.Um diesen für vier Jahre geplanten Schwerpunkt nicht nur zu propagieren sondern auch zu implementieren, wurde ein eigener Fonds zu kultureller Partizipation gegründet, der konkrete Anreize für Kunst- und Kultureinrichtungen schafft, sich auch als Nicht-Insider aktiv am kulturellen Leben zu beteiligen.

Nun ist ja kulturelle Partizipation ja auch in Österreich ein Thema. Aber vielleicht liegt der eigentliche Unterschied zwischen Holland und Österreich darin, dass zwar beide Länder eine durchaus vollmundige Rhetorik entwickelt haben; die Kulturpolitik in Holland aber konkrete Schritte setzt, diese Rhetorik mit einem Bündel an Maßnahmen in die Tat umzusetzen, während in Österreich einzelne Beispiele von Good Practice dafür herhalten müssen, die immer weiter wachsende Differenz zwischen gut gemeinten kulturpolitischen Ansprüchen und einer weitgehend orientierungslosen und beliebigen Praxis vergessen zu machen.

Darüber schwebt ein Chor der ewigen Besserwisser die nicht müde werden, uns zuzurufen, man sollte, man müsste, eigentlich könnte man ja wirklich…..

Weil ich diese Zurufe zur praktischen Untätigkeit immer schlechter aushalten kann. höre mir statt dessen eine Version von Beethovens Fünfter Symphonie mit dem Titel "Argument to Beethoven's 5th" an, die auf durchaus lustvolle Weise einen Streit untermalt, den ich mir nicht nur in den Beziehungen zwischen Mann und Frau sondern auch in der professionellen Auseinandersetzung zwischen verschiedenen kulturpolitischen Positionen in einer breiteren Fachöffentlichkeit wünschen würde.

Vorerst aber viel Spaß bei dieser ungewöhnlichen Interpretation.

Montag, 15. Februar 2010

„Von einer Kultur der Arbeit wird kaum gesprochen“ oder Könnte es sein, dass kulturelle Bildung zunehmend in Berufsbildenden Schulen stattfindet?

In diesen Tagen ist mir wieder einmal die Broschüre mit dem Titel „Die Kulturbremsen – Konservative Kulturpolitik in Österreich. Ein Schwarzbuch“ aus dem Jahr 1978 in die Hände gefallen. Mit ihren vollmundigen Formulierungen machten die Autoren Wegerth und Jensen deutlich, mit welcher Vehemenz damals - zumindest in der Kulturszene - grundsätzliche kulturpolitische Diskussionen geführt wurden. Sie waren einerseits von links getragen von überbordenden Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und andererseits von rechts einem unbedingten Verteidigungswillen der errungenen kulturellen Privilegien der KernwählerInnenschichten, in beiden Fällen von Ansprüchen, die wir heute kaum mehr nachvollziehen können.

Kultur als eigentlicher Inhalt von Politik wurde damals als die entscheidende Triebkraft gesellschaftlicher Reformen verhandelt. Mit Hikfe ihrer ProtagonistInnen sollte es gelingen, nicht nur die Freizeit ausgewählter BildungsbürgerInnen sondern die Lebens- und Arbeitsverhältnisse möglichst aller Menschen „glückhaft zu gestalten“ (Fred Sinowatz).

Wie tief sich dieser Anspruch damals selbst in konservative Kernschichten zu bohren vermochte, verdeutlicht ein in dieser Zeit veröffentlichtes Dokument der ÖVP „Kulturelle Umwelt“, in dem u. a. beklagt wird, dass sich in Österreich eine immer stärkere Einschränkung des „Kultur“-Begriffes festzustellen sei; der „die Bereich „Arbeit (Produktion, Verwaltung, Verteilung) und Transport (Verkehr) völlig ausklammern“ würde: Von einer „Kultur der Arbeit wird kaum gesprochen.

Die Autoren der „Kulturbremsen“ beklagten in ihrem Pamphlet, dass eine „Kultur der Arbeit“ nach so vielen Jahren konservativer Kulturpolitik nicht einfach aus dem Boden zu stampfen wären. Heute, immerhin dreißig Jahre später, scheint es legitim, nachzufragen, ob sich an der beklagten Einschränkung des „Kultur“-Begriffes etwas geändert hat und ob etwa Produktion, Verwaltung oder Verkehr in der Zwischenzeit eine kulturelle Zuschreibung erhalten haben.

Was wir unschwer feststellen können ist der Umstand, dass eine umfassende Pluralisierung der Lebens- und Arbeitswelten die alte Dichotomie zwischen Hochkultur und Massenkultur weitgehend aufgelöst hat. Der verbleibende Dünkel der„Hochkultur“ überlebt heute in erster Linie dank einer neureichen Klientel, repräsentiert in den Fratzen einer Seitenblickegesellschaft, die nichts anderes kennt als eine ihr innewohnende Ökonomie der Aufmerksamkeit (Georg Franck) wenn notwendig mit allen Mitteln (wie man am Fall Salzburger Osterfestspiele im Augenblick im Detail studieren kann) möglichst 1.1 auf den Kulturbetrieb zu übertragen. Ein drüber hinausgehender Wertsetzungsanspruch durch kulturelle Leistungen hat sich damit ad absurdum geführt und kann vor allem gegenüber einer zunehmend existentiell verunsicherten Mittelschicht nicht mehr glaubwürdig aufrecht erhalten werden.

Auf der anderen Seite hat sich der im Gegensatz zur Hochkultur zumeist pejorativ verwendete Begriff der Massenkultur in ein vielfältiges audiovisuelles Angebot verflüchtigt, das, zunehmend kommerziell getrieben, in der Tat immer weitere Teile der Lebens- und Arbeitsverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten berührt, sodass man versucht ist zu fragen, ob mit der massenhaften Nutzen des Privatfernsehens und des Internet der Anspruch auf eine „Kultur der Arbeit“ zwar nicht – wie ursprünglich angestrebt - mit politischen Mitteln dafür aber aus der Logik der Marktwirtschaft heraus eingelöst worden ist.

Noch zögere ich, die Frage mit einem „Ja“ zu beantworten. Immerhin stoßen wir bei unseren Recherchen zu kultureller Bildung immer wieder auf den faszinierenden Umstand, dass, wenn die Rede auf kulturelle Bildung kommt, die Ansprüche der Arbeitswelt weiterhin systematisch ausgeblendet bleiben. So lässt sich trefflich darüber lamentieren, dass GymnasiastInnen nach wie vor gezwungen werden, aber der 7. Schulstufe zwischen Bildnerischer und Musikalischer Erziehung zu wählen. Dass diese Wahl aber nur 20% aller Mitglieder dieser Altersgruppe betrifft weil 80% eine Berufsbildende Schule besuchen, in der mit wenigen Ausnahmen überhaupt kein kulturelles Trägerfach angeboten wird, bleibt hingegen unerwähnt.

Diese strukturelle Diskriminierung steht im krassen Gegensatz zum geltenden Schulorganisationsgesetz, das zu studieren ich an kultureller Bildung Interessierte dringlich empfehle, wenn im § 2, in dem die Aufgaben der österreichischen Schule definiert werden, klar formuliert ist, dass sie an der Entwicklung ausnahmslos aller jungen Menschen nach den „Werten des Wahren, Guten und Schönen“ mitwirken soll, um diese zu befähigen, gleichermaßen „am Wirtschafts- wie am Kulturleben Österreichs, Europas und der Welt Anteil“ zu nehmen.

Nun entspricht die zum Teil kategoriale Trennung von Anspruch und Wirklichkeit einer typisch österreichischen Übung vorrangig der Körperkultur, dem Spagat, zu dessen Ausführung ein historisch unreflektiertes Angebot an kultureller Bildung ganz offenkundig einen ganz besonderen Beitrag zu leisten vermag.

Dabei haben unsere bisherigen Recherchen ergeben, dass auch im Bereich der Berufsbildenden Schulen, die bislang von einem breiteren Diskurs rund um Fragen der kulturellen Bildung notorisch ausgeklammert geblieben sind, kulturelle Wertvorstellungen verhandelt werden, die es lohnen würden, in den Diskurs um einen zeitgemäßen „Kultur“-Begriff eingebracht zu werden. Verhandelt wird in erster Linie der Erwerb von kulturellen Kompetenzen, die es jungen Menschen erlauben, sich in einer dynamischen Arbeitswelt zu Recht zu finden und darüber hinaus aktiv mitzugestalten. Diese kulturellen Kompetenzen weisen über traditionelle Vorstellungen von „access to culture“ (die darauf hinauslaufen, dass Angebot des klassischen Kunst- und Kulturbetriebs in Anspruch zu nehmen) weit hinaus und umfassen gleichermaßen individuelle, soziale und inter-kulturelle Dimensionen.

Spricht man länger mit VertreterInnen des Berufsbildenden Schulwesens, dann verdichtet sich die Vermutung, dass gerade im Anspruch einer zeitgemäßen beruflichen Ausbildung ein ebenso zeitgemäßer Kulturbegriff erwachsen könnte, der es nicht nur darauf anlegt, neue Hoffnungsmärkte im Bereich der cultural and creative industries zu bedienen sondern – zwar ohne Musikerziehung und Bildnerischer Erziehung aber in konkreter Mitwirkung an der gegenwärtigen umfassenden Ästhetisierung (und damit „Kulturalisierung“) aller unserer Lebens- und Arbeitsbereiche – eine späte Verschmelzung von Kultur, Arbeit und Leben zu versuchen.

Wenn Bert Brecht davon gesprochen hat, dass Kultur das sei, „wie der Mensch lebt und arbeitet“, dann hat er diese Behauptung wahrscheinlich nicht die Vorstellung der gegenwärtigen krisenhaften globalen Ökonomie verbunden. Es könnte eine weitere List der Geschichte – in diesem Fall eines zunehmend auf immaterielle Produktion basierenden globalisierten Kapitalismus – sein, wenn wir nunmehr als Ergebnis gesellschaftlicher Krisenhaftigkeit sein Diktum in den sich lichtenden Nebeln einer selbstläufig gewordenen Rechtfertigung traditioneller Kulturbetrieblichkeit als Kerninhalt der Vorbereitung junger Menschen auf die zunehmend unberechenbar gewordenen Arbeitsmärkte zu erkennen beginnen.

Dienstag, 9. Februar 2010

Mir ist so fad oder Über den Skandal, dass gute Schule nur privat realisiert werden kann

Meine Tochter besucht die vierte Klasse einer öffentlichen Schule mit bildnerischen Schwerpunkt und überlegt, wie es für sie in der Oberstufe weitergehen könnte. Eigentlich kann sie mit ihrer bisherigen Schulkarriere durchaus zufrieden sein. Sie hat gute Noten und leidet doch unter einem zunehmend schlechten Schulklima, das sie zweifeln lässt, ob sie ein solches noch weitere vier Jahre ertragen will.

Dieses Unwohlsein hat sicher damit zu tun, dass im letzten Jahr die drei Lehrkräfte, die ihr besonders wichtig waren, nicht mehr unterrichten. Jetzt geben diejenigen den Ton an, die glauben, sich mit Sprüchen wie „Was muss ich in meinem früheren Leben falsch gemacht haben, dass ich Euch verdient habe“, Autorität verschaffen zu können. Geblieben ist der Bildnerische Erzieher, dessen Kompetenz und ermutigendes Urteil sie sehr schätzt, auch wenn es mitunter durchaus kritisch ausfällt.

Was aber selbst mir als beobachtendem Elternteil auffällt ist der Umstand, dass immer weniger Unterricht stattfindet, fast täglich Stunden entfallen, statt dessen die SchülerInnen nach Hause geschickt werden oder fachfremde Supplierungen stattfinden. Die SchülerInnen lernen dabei in erster Linie eines - das mit Nichtstun viel Zeit vergeht. Ungeachtet jeglicher individueller Erwartungen wird damit wird der Umgang mit Warten und mit Langeweile zu einem immanenten kollektiven Lernziel der Institution Schule, wenn sie, wie in diesem Fall, organisatorisch derart aus dem Ruder läuft.

Zeit also, sich um eine andere Schule umzusehen. Und so ist sie auch auf die w@lz-Schule
gekommen, eine von Renate Chorherr gegründete private Schulinitiative, die von sich behauptet, Schule neu zu denken.

In der Tat, schon beim ersten Besuch eines Informationsabends für interessierte SchülerInnen und deren Eltern wird klar, dass diesen Schulbetrieb der Anspruch auf eine andere Lehr- und Lernkultur antreibt, der sich nicht in der Exekution systemischer Zwänge erschöpft sondern ihren Sinn in den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der SchülerInnen erkennt.

Und so wächst das Erstaunen, wenn die Direktorin davon berichtet, dass in der w@lz die engen Stundentafeln aufgelöst sind, statt dessen über den ganzen Tag die Lernzeit in vier Blöcken verteilt sind, in denen sich die SchülerInnen in thematische Zusammenhänge so einlassen können, dass ein vertieftes Verstehen möglich wird. D
Die meiste Zeit findet Unterricht in Projektform statt; die SchülerInnen gehen im wahrsten Sinn auf die w@lz, machen ihre Lernerfahrungen außerhalb der Schule und erfahren auf diese Weise die Welt, wie sie konkret ist.

Dabei kommt der Lernstoff, wie er in den offiziellen Lehrplänen verfasst ist, nicht zu kurz, die w@lz-SchülerInnen kommen in der Regel auf dasselbe fachspezifische Niveau wie die Absolventen anderer öffentlicher Schulen: sie lernen aber anders, konkreter, zielorientierter und daher auch schneller; ein Umstand, der ihnen die Gelegenheit gibt, sich auch noch um andere Dinge zu kümmern, etwa um den Erwerb sozialer Kompetenzen, die in vielfältigen Gemeinschaftsaktivitäten ohne jeden Notendruck vermittelt werden. Ja und dann gibt es auch noch einen künstlerischen Schwerpunkt, der die SchülerInnen in regelmäßigen Abständen zu gemeinsamen Theaterproduktionen zusammenführt, die in der Schule, aber auch als Straßentheater im öffentlichen Raum aufgeführt werden.

Die Schule fordert eine Menge Eigeninitiative; SchülerInnen, deren Umgebung meint, dass sie einer engen Führung bedürfen, können sich da oder dort schon schwer tun. Und doch weist die Schule, die seit mehreren Jahren Öffentlichkeitsrecht besitzt, nur eine geringe Dropout-Quote aus; Der überwiegende Teil schafft die Matura, die übrigens nicht von den LehrerInnen der Schule sondern an einem anderen Schulstandort abgehalten wird, um auf diese Weise dem sehr bedenkenswerten Prinzip, dass diejenigen, die den Unterricht anbieten nicht auch diejenigen sein sollen, die diesen beurteilen, Rechnung zu tragen.

Der Nachteil: Die w@lz ist eine Privatschule und muss sich als solche im Wesentlichen aus Elternbeiträgen, die so hoch sind, dass sie sich nicht jeder leisten kann, erhalten. Das bedeutet eine Form der sozialen Selektion, die den pädagogischen Intentionen einer möglichsten sozialen Integration fundamental entgegen steht.

Und damit folgendes Problem aufwirft: Seit Jahrzehnten weiß das öffentliche Schulwesen, dass die Schulerträge einer der w@lz-Schule folgenden Pädagogik größer sind als die Perpetuierung traditioneller Schulformen. Dazu haben sich eine Unzahl von Arbeitsgruppen auf immer wieder neue Weise verständigt; Erlässe zu ganzheitlich-kreativer Erziehung sind herausgegeben worden; dazu eine Vielzahl von Projekten zu einer neuen Lehr- und Lernkultur entwickelt.

Das Ergebnis: Individualisierung der Lebenswelten hin oder her: In Wien, in der Stadt, in der Otto Glöckel ein umfassendes Reformprogramm des öffentlichen Schulwesens initiiert hat, wird hundert Jahre später gezwungen, die Aufnahme in eine private Schule anzustreben, wenn man seinem Kind eine pädagogische Haltung gönnen möchte, die verspricht, die persönlichen Begabungen aber auch Bedürfnisse zum Ausgangspunkt einer umfassenden Persönlichkeitsentwicklung zu machen.

Bleibt die Frage, was eigentlich die öffentliche Schulverwaltung daran hindert, in Wien zumindest in jedem Bezirk einen Schulstandort nach den pädagogischen Leitlinien der w@lz neu auszurichten und damit das seit vielen Jahren akkordierte pädagogische Programm einer neuen Schule nicht nur in bildungspolitischen Sonntagsreden sondern in der Praxis zu realisieren.

Es wäre dies nicht nur ein Schritt, die Überlegenheit einer schülerzentrierten Pädagogik auf einer breiteren Basis unter Beweis zu stellen sondern auch ein Ausweis einer auf sozialen Ausgleich bedachten Wiener Schulverwaltung, die nicht nur wenigen Kindern, deren Eltern es sich leisten können, (und alle anderen in den traditionellen Schulformen gelangweilt und frustriert zurücklassen) sondern all denjenigen, die das wollen, den Besuch einer Schule auf der Höhe der Zeit anzubieten.

Die aktuellen bildungspolitischen Verkrustungen lassen vermuten, dass meine Tochter eine diesbezügliche Veränderung der Wiener Schullandschaft nicht mehr für sich nutzen wird können. Für sie heißt es entweder weitere vier Jahre Schulfrust oder die Eltern zur Kasse zu bitten, um für sie ein pädagogisches Angebot zu kaufen, auf das längst alle einen öffentlichen Anspruch haben.

Freitag, 29. Januar 2010

Von den Jungen lernen oder Warum uns junge ZuwanderInnen dazu einladen, uns und die Welt ernst zu nehmen

Es mag etwas Wahres dran sein an der Vermutung, dass es schlecht um die Identität bestellt sein muss, wenn über sie gesprochen werden muss. Aber das bedeutet ja noch nicht, dass es schlecht sein muss, über Identität zu sprechen. Immerhin repräsentiert Identität zu aller erst ein unmittelbares Gefühl der bedingungslosen Zugehörigkeit, darüber hinaus ein Gefühl von In-sich-Ruhen, das Vertrauen schafft und Zuversicht. Damit ist das Reden ist immer schon ein Reden über den Verlust eines Zustands, dessen emotionaler Kitt in der Symbiose der frühkindlichen Mutter-Kind-Beziehung zu suchen ist.

In diesem Sinn ist die Erfahrung von Identitätsverlust immer auch ein Zeichen von Erwachsenwerden, das einhergeht mit der Erkenntnis, die Welt und ich zwei verschiedene Dinge sind und es an mir liegt, mich mit meinen beschränkten Mitteln auf Gedeih und Verderb darin zu Recht zu finden. Diese Erkenntnis ist in der Regel nicht angenehm, zu wohlig ist die Erinnerung ist das Gefühl der ursprünglichen Einheit, die jetzt ein für allemal verloren sein soll und auch mit größtem Einsatz nicht mehr herbei gezwungen werden kann.

Um diesen Verlust erträglich zu machen, ist die Versuchung vor allem in Phasen pubertärer Aufwallung mit großem Regressionsbedarf groß, in Gruppen, Szenen, Clans oder Kulturen Trost zu suchen und diese Ersatzeinheiten mit Identitätsgefühlen wie Stolz oder Ehre aufzuladen. Die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen kann umso lustvoller erlebt werden, umso unmittelbarer das evozierte Gefühl an frühkindliche Erfahrungen von Ausschließlichkeit anzuknüpfen vermag. Dazu gehört immer auch das Verteidigungs- und Abgrenzungsbedürfnis gegenüber denjenigen, die nicht dazu gehören, weil sie den emotionalen Haushalt zur Aufrechterhaltung dieser Form ritueller Nostalgiepruduktion stören könnten.

Und genau dort liegt das Problem, jedenfalls wenn es um die Organisation moderner Gesellschaften geht, die nicht auf gefühlter Zugehörigkeit und damit Selektion sondern formaler Gleichwertigkeit und damit Integration ausgerichtet sind. Sie bedarf als wahrscheinlich wesentlichste Vorraussetzung für ihren Bestand einer Trägerschaft durch erwachsene Menschen, die die Einsicht in die Notwendigkeit dieses existentiellen Verlust verarbeitet haben und aus dieser Einsicht ihre Stärke als denkende und handelnde Subjekte beziehen. Eine solche, auf ein erwachsenes Selbstbewusstsein gründende Stärke fußt auf einer nicht stillbaren Neugierde auf die Welt in möglichst vielen ihrer Facetten, die nicht Halt macht vor den Toren einer unbedingten Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Kultur.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich an der Endausscheidung des Redewettbewerbes „Sags Multi!“ teilnehmen durfte, bei dem junge Menschen mit Migrationshintergrund sich mit dem Thema „Nehmen wir einmal an, ich wüsste, wer ich bin“ beschäftigt haben.

Das Wichtigste vorweg: Auf die Bühne gekommen sind – dem Alter nach – durchwegs Pubertierende. Aber ihre Beiträge – die sowohl in der jeweiligen Erstsprache als auch in Deutsch verfasst waren – ließen darauf schließen, dass ihre spezifischen Lebensumstände sie schon vor längerer Zeit dazu gezwungen haben, sich von kindlichen Symbiosephantasien zu verabschieden und statt dessen ein erwachsenes Leben zu verfolgen. Folgt man den Erzählungen dieser jungen Menschen, dann verfügen die meisten von ihnen über mannigfache Erfahrungen von Verlusten, Verletzungen und Enttäuschungen. Der Zorn darüber war da und dort unüberhörbar. Und doch haben sie diese zum Teil sehr widrigen Umstände ganz offensichtlich nicht davon abgehalten, ihren Anspruch auf ein selbst gestaltetes und sinnstiftendes Leben aufzugeben; ganz im Gegenteil. Diese Jugendlichen haben sich in ihren Äußerungen selbst Mut zugesprochen, aber auch all denen, die ihnen zuhören durften und dabei ganz unmittelbar ihre Lebensenergie gespürt haben.

Besonders beeindruckt hat mich die Fähigkeit der jungen Menschen, ihre eigene Lebenssituation ebenso authentisch wie anschaulich zu beschreiben, um von dort zu faszinierenden Einsichten zu gelangen. Eine davon bricht mit dem Klischee, dass es diese Jugendlichen sind, die mit allen Mitteln versuchen, ihre kulturelle Sonderstellung zu verteidigen. Ihre Analyse lässt statt dessen den umgekehrten Schluss zu: Demnach sind es vor allem die LangzeitösterreichischerInnen, die versuchen, ZuwanderInnen in kulturelle Schubladen zu stecken und damit die eigenen kulturellen Homogenitätsvorstellungen zu perpetuieren während die Jugendlichen vor allem eines sein wollen: Vollwertige Mitglieder einer modernen, auf Vielfalt gerichteten Gesellschaft.

Das schließt auch die Anerkenntnis mit ein, dass das Verfügen über mehrere Sprachen kein Nachteil sondern einen eminenten Vorteil darstellt, wenn es darum geht, mit Menschen über die traditionellen kulturellen Grenzen hinweg zu kommunizieren. Und dass diese Jugendlichen vielfältige Sprachtalente besitzen, in Deutsch ebenso wie in insgesamt 36 weiteren Sprachen, das haben sie im Rahmen dieses Wettbewerbs eindrucksvoll bewiesen.

Bleibt die politische Dimension, die zur Zeit im Kampf um Deutungshoheit darauf hinaus läuft, eine naturgegebene Zugehörigkeit zu bestimmten Kulturen zu behaupten, damit das Erwachsen- und damit Unabhängig-Werden der derart kulturell Stigmatisierten zu verhindern, um mit einer solchen Strategie politisches Kleingeld zu schlagen ungeachtet der verheerenden Langzeitfolgen für das gesellschaftliche Zusammenleben, die daraus resultieren.

Die jungen Menschen haben sich gegenüber diesen politischen Versuchungen al beeindruckend resistent erwiesen. Ihre so eindrucksvoll vorgetragenen Lebenseinsichtigen weisen über die derartige Zwangskorsette zur Produktion gesellschaftlicher Ungleichheit bereits weit hinaus.

Und so ist bei mir ein Funke übergesprungen, der da heißt: Hinter die Einsichten dieser jungen Menschen dürfen wir, die wir den Anspruch stellen, erwachsen zu sein, nicht mehr zurückfallen. Mit ihnen zusammen gilt es, die gesellschaftlichen Errungenschaften zu verteidigen, die die Voraussetzungen für ein humanes Leben im 21. Jhdt bilden und doch (oder gerade deshalb?) von wachsenden politischen Kräften zur Disposition gestellt werden.

Diese jungen Menschen sind ein ermutigender Auftrag, erwachsen zu bleiben, nach vorne zu schauen und nicht der Versuchung zu erliegen, sich zurückzusehnen nach einer Zeit, in der angeblich alles besser war, weil die Mutter (und sei es in Gestalt des starken Mannes) für alles gesorgt hat.

Sie sind es Wert, dass wir uns mit ihren Ansprüchen selbst ernst nehmen und folglich ernst machen. Sie tun es auch.

Sonntag, 24. Januar 2010

Vom Barriereabbau rund um Kultureinrichtungen oder Kultur ist, wenn die einen auf machen und die anderen zu.

Angesprochen auf ihre Erwartungen gegenüber Erziehung gaben in einer jüngsten Studie des Market-Instituts 12% der Befragten an, das Kriterium „An Kunst gefallen finden“ hätte sie in ihrer Jugend stark geprägt.

Erzählt als eine Geschichte des Wertewandels könnten wir uns darüber freuen, dass der Anteil der heutige Elterngeneration, der der Kunst als wichtigem Wert besondere Bedeutung bei der Erziehung ihrer Kinder zumisst, auf rund 20% angestiegen ist. Weniger erfreulich ist dann allerdings, dass diese 20% nach wie vor eine krasse Minderheit darstellen.

Während „Selbständigkeit“; „Ehrlichkeit“, „Ordentlichkeit“ und „Gewaltvermeidung“ jeweils bei über 60% rangieren, findet sich der Wert der Kunst nach wie vor an drittletzter Stelle, nur mehr unterboten von „Einfügen in eine Ordnung“ und „keine großen Anforderungen stellen“.

Ein großes Betätigungsfeld für Kulturpolitik, könnte man da vorschnell meinen, umso mehr als die amtierende Unterrichts-, Kunst und Kulturministerin Claudia Schmied seit ihrem Amtsantritt zu Beginn des Jahres 2007 Kulturvermittlung auf ihrer kulturpolitischen Agenda ganz nach oben gereiht hat.

Der Position Schmieds kann man – nach einem Zitat von Franz Schuh entgegen halten, dass sich “Kulturpolitik im besten Fall ist eine überlegte Verwaltung der kulturellen Institutionen“ beschränken sollte:“ Das muss man verlangen können: dass gesetzeskonform agiert, vernünftig verwaltet, vernünftig Personalpolitik betrieben wird“. Darüber hinaus gibt es vor allem innerhalb der Sozialdemokratie nicht erst seit den 1970er Jahren ein darüber hinaus gehendes, genuin politisches Ziel, das darin besteht, nicht nur einer kleinen Elite den Zugang zu Kunst und Kultur zu öffnen.

Im Umfeld des Langzeitkultur- und Unterrichtsministers Fred Sinowatz entwickelten sich damals zwei Stoßrichtungen, wovon die eine das Ziel verfolgte, das Angebot der etablierten Kunst- und Kultureinrichtungen einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, während die andere den Anspruch erhob, allen Menschen, welcher sozialen Gruppe sie auch immer zugehören, ihren spezifischen Begriff von Kultur, der sich nicht in der Teilnahme an hochkulturellen Angeboten in der Freizeit erschöpft, zuzusprechen. Eine solche, auf die unmittelbaren Lebens- und Arbeitsverhältnisse bezogene Kultur gälte es, für die individuelle ebenso wie für die kollektive Emanzipation nutzbar zu machen.

Von einer politischen Emanzipationsgeschichtsschreibung ist man in de Zwischenzeit – auch innerhalb der Linken – offensichtlich wieder abgekommen. Diesen Job hat die Kulturindustrie übernommen, die mit ihrer reichen Angebotspalette weit über die traditionellen sozialen Grenzen hinausweist und mit ihren Produkten die symbolischen Repräsentationsformen rasch wechselnder Moden und Lifestyles schafft. Dieses Verfahren verspricht doppelten Gewinn: Ökonomisch gesehen boomt die Eventkultur boomt und politisch wirkt der Konsum eher beruhigend denn verstörend, Wenig Spielraum also für eine Kulturpolitik mit einem politischen Gestaltungsanspruch.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich fast Claudia Schmied 40 Jahre nach der Verabschiedung des Sinowatz’schen kulturpolitischen Maßnahmenkatalogs wieder auf die erste Position konzentriert. Mit dem hart errungenen politischen Erfolg, der die jahrelange Forderung nach freiem Eintritt für junge Menschen in die Bundesmuseen verwirklicht, sollen die finanziellen Barrieren fallen, die diese Einrichtungen mit Spitzeneintritten von bis zu Euro 13,-- (Belvedere) und 12,-- (Kunsthistorisches Museum) errichtet hatten, um schlecht verdienende Eltern und junge Arbeiter (samt der immer größeren Zahl der jungen Arbeitslosen) draußen zu lassen. Die steigenden BesucherInnen-Zahlen zeigen, dass das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist.

Dabei kann es aber nicht bleiben: Wien gehört u. a. deshalb zu einer der attraktivsten Städte, weil es eine Stadt der kurzen Weg von einer Kultureinrichtung zur anderen ist. Oder anders gesagt: Sie befinden sich alle auf einem Haufen. Das aber bedeutet, dass sich für den großen Rest derer, die nicht in der Nähe der City wohnen und doch mit ihren Steuerleistungen den Kulturbetrieb aufrechterhalten geographische Barrieren ergeben, die bislang bestenfalls von einzelnen kulturpolitisch angekränkelten WirtschaftsvertreterInnen als Profilierungschance gesehen wurden.

Die wichtigste und zugleich am schwersten abzubauende Barriere stellt freilich das Gefühl der Nichzugehörigkeit des Großteils der jungen Menschen dar, damit die lange in der Familie tradierte Vorstellung, das Angebot der Kultureinrichtungen hätte nichts mit ihnen zu tun, das sei etwas für die anderen. Zu dieser mit der Muttermilch eingesogenen Einstellung - die überdeutlich macht, dass der Kultur nicht nur integrative sondern in immer auch eine selektive Funktion innewohnt - gehört in der Regel auch das Gefühl, mit dem Überspringen dieser symbolischen Barriere Verrat an der Familie, an den Freunden und damit an der sozialen Gruppe zu betreiben (das ist einer der Gründe, warum sich die englische Initiative „Creativiy, Culture & Education“ bei der Entwicklung ihrer jüngsten Programmgeneration, die Eltern möglichst aktiv in Vermittlungsprogramme einzubeziehen).

Die jüngste Initiative zur Öffnung der Bundesmuseen in Österreich beantwortet die kulturpolitisch brisante Frage nach Übersteigbarmachung der symbolischen Barrieren mit der Einladung an die Bundessmuseen, neue Vermittlungsprogramme für neue Zielgruppen zu entwickeln.

Die Einrichtungen werden sich über den kleinen Geldregen, der sich via KulturKontakt Austria über sie ergießt, freuen. Manche werden vielleicht sogar ihr Profil ein Stück weit gegen über den neuen Zielgruppen öffnen, weil sie ansonsten Gefahr laufen, ungewollt zu Seniorenheimen für eine aussterbende Spezies von BildungsbürgerInnen zu mutieren.

Viel gravierender aber erscheint der Umstand, dass sich hinter dem kulturpolitischen Anspruch nach Verbreiterung des Kulturangebotes in erster Linie eine bildungspolitische Herausforderung verbirgt, der angebotsseitig von den Kultureinrichtungen nicht eingelöst werden kann: Wie in den 1970er Jahren gilt auch heute das eherne Gesetz, das besagt, dass die Chancen zur aktiven Teilnahme unmittelbar mit dem erreichten Bildugnsniveau korrelieren. Das aber bedeutet, dass sich die nachhaltigen Erfolge der Kulturpolitik in der Bildungspolitik vorbereitet werden müssen.

Daran sollten wir uns erinnern, wenn der bildungspolitische Vertreter der ÖVP in den Wunsch – mittlerweile auch der eigenen Klientel – nach Ausweitung der Neuen Mittelschule und damit nach verbesserter Bildungschancen für alle einer mittlerweile unerträglichen Ignoranz einfach wegwischt und damit viele tausende junge Menschen ebenso zu Unwissenheit wie zum Ausschluss vom Angebot öffentlich geförderter Kunst- und Kultureinrichtungen verurteilt.

Die Studie des Market-Instituts belegt, dass innerhalb einer Generation der Wert von Kunst um 8% zugenommen hat. Mit der gegenwärtigen destruktiven Bildungspolitik der konservativen Bildungsbewahrer sollten wir uns mit Geduld wappnen: Es dauert dann halt noch rund zehn weitere Generationen, bis die Kunst bei allen ÖsterreicherInnen als zentrales Bildungsziel angekommen ist. Vielleicht sind dann ja auch die letzten Verteidiger der bislang uneinanehmbaren Bildungs- und Kulturbastionen innerhalb der ÖVP ausgestorben.

Montag, 18. Januar 2010

Wie Europa auf die Kunst kommen könnte oder Von politischer Vollmundigkeit und jugendlichem Elend

Zu Beginn des neuen Jahrtausends, im März 2000 verabschiedeten die europäischen Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel die sogenannte „Lissabon Strategie“ mit dem Ziel, Europa bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.

Um den Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren, verpflichteten sich damals die politischen EntscheidungsträgerInnen, „das europäische Gesellschaftsmodell zu modernisieren, in die Menschen zu investieren und die soziale Ausgrenzung zu bekämpfen, um damit die Voraussetzungen für Vollbeschäftigung zu schaffen“.

Dazu sollten im Bereich der Bildung u. a. die Humankapitalinvestitionen pro Kopf von Jahr zu Jahr substantiell gesteigert, die Zahl der 18- bis 24jährigen, die lediglich über einen Abschluss der Sekundarstufe I verfügen und keine weiterführende Schul- oder Berufsausbildung durchlaufen, bis 2010 halbiert, die Mobilität von Schülern und Studenten, Lehrern sowie Ausbildungs- und Forschungspersonal sowohl durch eine optimale Nutzung der bestehenden Gemeinschaftsprogramme gefördert und Schulen und Ausbildungszentren, die alle Internetanschluss haben sollten, zu lokalen Mehrzweck-Lernzentren weiterentwickelt werden. Dazu wären vor allem die Methoden einzusetzen, die sich am besten eignen, um ein möglichst breites Spektrum von Zielgruppen zu erreichen.

Als sich die gewünschten beschäftigungspolitischen Effekte nicht einstellten wollten , kam es auf der Frühjahrstagung des Europäischen Rates im Februar 2005 zu einem Relaunch, der sich im Grundsatzpapier „Zusammenarbeit für Wachstum und Arbeitsplätze – Ein Neubeginn für die Strategie von Lissabon“ niederschlagen sollte.

Wieder wurde angekündigt, mehr in das Humankapital investieren, um damit Bildungsniveau vor allem der jungen europäischen BürgerInnen zu verbessern. Zusätzlich wurde die Verabschiedung eines Gemeinschaftsprogramms zu lebenslangem Lernen in Aussicht gestellt, die den Erwerb von Schlüsselkompetenzen in den Mittelpunkt rücken sollte. Die EU - Mitgliedstaaten wurden beauftragt, 2006 für diesen Bereich eigene nationale Strategien zu entwickeln und umzusetzen.

Vom Skandal der strukturellen Vernichtung von Lebenschancen junger Menschen

Und das Ergebnis? 2006 waren fast 40 % aller Arbeitslosen in der EU zwischen 15 und 29 Jahren alt; ein Trend, der sich im Zuge der Wirtschaftskrise noch einmal dramatisch verschärft hat: Im Oktober 2009 lag der durchschnittliche Arbeitslosenrate für junge EuropäerInnen unter 25 Jahren in allen 27 Mitgliedstaaten bei rund 20,7% (und damit doppelt so hoch wie die durchschnittlichen Prozentsätze aller Altersgruppen), ein Wert, der sich zudem zwischen 2008 und 2009 noch einmal um 4,5% erhöht hat. In Spanien sind mit mittlerweile mit 42,7% fast die Hälfte aller Jugendlichen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. „El Pais“ spricht von einer „Generation Null“ weil diese „Null Arbeitschancen“ hat. Gefolgt wird Spanien von Lettland mit 33,6%, Irland 28,4% und Frankreich mit 24,7%. Österreichische kommen da, auch im Vergleich mit deutschen Jugendlichen (rund 15%) mit knapp über 10% da nach vergleichsweise glimpflich davon.

Man kann es drehen wie man will, aber diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu, der darauf hinausläuft, dass die, weitgehend national zu verantwortenden europäischen Bildungspolitiken in den letzten zehn Jahren krass gescheitert sind. Da werden ganz offensichtlich die Potentiale von Millionen junger Menschen vernichtet. Das ist menschenunwürdig, weil hier massenhaft persönliche Lebensperspektiven zerstört werden und es bedeutet eine mutwillige volkswirtschaftliche Vergeudung, wenn damit genau das Humankapital vernichtet wird, das man angetreten ist, zur Verwirklichung des wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraums auszubilden und zu nutzen.

Natürlich ist da das Argument der negativen Folgen der weitgehend unvorhergesehenen Finanz- und Wirtschaftskrise, die alle gut gemeinten Pläne über den Haufen geworfen hätte. Aber die Krise betrifft nicht nur Europa; sie hat auch im Rest der Welt ihre bedrohlichen Spuren hinterlassen und doch sind die außereuropäischen Ökonomien drauf und dran ist, Europa in die Defensive zu drängen. Spätestens mit dem Klima-Gipfel in Kopenhagen wurde augenscheinlich, dass Europa weiter denn je davon entfernt ist, eine globale Führungsrolle einzunehmen; ganz im Gegenteil, der Einfluss des alten Kontinents im Verblassen ist (Das wird besonders in den politischen Reden europäischer PolitikerInnen deutlich, die zuletzt in einem zunehmend alarmistisch - eurozentristischen Ton vor den Bedrohungen durch die aufsteigenden Ökonomien in Asien warnen)

Irgendetwas scheint da in den Bildungssystemen grundsätzlich falsch gelaufen zu sein. Eigentlich braucht man ja nur einen Blick in die nach wie vor weitgehend an den Erfordernissen der Industriegesellschaft orientierten Organisationsformen werfen, die die nationalen Schulsysteme bis heute beherrschen. Wir spüren ganz unmittelbar, das funktioniert nicht mehr: Da wird nicht für die Zukunft, da wird für eine verklärte Vergangenheit ausgebildet. Und so sehen wir weitgehend tatenlos zu, wie einerseits eine offenbar politisch nicht überwindbare Lobby in gesicherter Lebensstellung für die unbedingte Beibehaltung der überkommenen Strukturen kämpft, während andererseits die Konsequenzen den jungen Menschen (und deren Familien) aufgelastet wird, die selbst schauen müssen, wie sie mit ihrer wachsenden Orientierungslosigkeit zurecht kommen.

Das kann auf die Dauer nicht gut gehen weil es nicht nur einen weitere Abwärtsbewegung der europäischen Wirtschaften impliziert sondern auch einen wachsenden politischen Sprengstoff birgt: Die derart an den Rand gedrängten jungen Menschen werden sich diese strukturelle Benachteiligung gegenüber den sich gerade noch in Sicherheit gebracht habenden älteren Generationen auf Dauer nicht gefallen lassen; sie werden mit guten Argumenten revoltieren und damit für politischen Zündstoff sorgen.

Von der Hoffnung auf eine Götterdämmerung

Das scheint auch den politisch Verantwortlichen in Brüssel zu dämmern, wenn sie in den aktuellen Konsultation über die künftige EU-Strategie bis 2020 u .a. ein Überdenken der Bildungssysteme und der Arbeitsmärkte fordern. Sie setzen auf eine Dynamik in Europa, die die BürgerInnen in die Lage versetzen soll, ihr innovatives und kreatives Potenzial freizusetzen; in der Erwartung, durch eine Stärkung der Bildungssysteme Ungleichheit und Armut effektiv bekämpfen zu können. Kritisiert wird die Vielzahl schlechter Leistungen bei den Grundfertigkeiten (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften). Dagegen seien Maßnahmen zu ergreifen, um die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen zu verbessern und sie nach der Schule in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Augenmerk sollte stärker auf gefährdete Gruppen, die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie den sozialen Zusammenhalt gelenkt werden, um allen gleichermaßen den Zugang zu Bildung und Fortbildung zu ermöglichen.

Bei allen guten Absichten droht hinter den Absichten einer solchen „Stärkung der Bildungssysteme“ eine More-of-the-same-Strategie, die das Gegenteil von dem erreicht, was sie beabsichtigt. Immerhin weist der Anspruch, die kreativen Potentiale möglichst aller jungen EuropäerInnen auf den Bedarf eines grundlegenden Wandels einer schulischen Lehr- und Lernkultur hin, die nicht mehr die institutionellen Erfordernisse sondern die spezifischen Eigenarten, damit die Begabungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers/Schülerin in den Mittelpunkt rückt.

Wahr ist, dass Schulen heute den wachsenden Individualisierungserfordernisse nur sehr ungenügend entsprechen, in dieser Organisationsform auch gar nicht können (bzw. nicht wollen). Die Konsequenz besteht im massenhaften frühzeitigen Ausschluss der jungen Menschen, für die man sich – Existenzgefährdung hin oder her – dann auch nicht verantwortlich fühlen will.

Vom Abschied traditioneller Wirtschaftsparadigma

Wenn schon das Schicksal der Vielzahl ausgeschlossener junger Menschen die bildungspolitisch Verantwortlichen nicht hinreichend berührt, dann vielleicht Überlegungen von Wirtschaftspolitikern, die sich unter dem Schlagwort „Jenseits des Bruttoinlandsprodukts“ auf die Suche begeben, den Fortschritt in einer Welt im Wandel neu und damit lebenshaltiger zu bestimmen (siehe dazu ein EU-Kommissionspapier aus dem Sommer letzten Jahres). Die bisherigen Antworten laufen darauf hinaus, die traditionellen Vorstellungen wirtschaftlichen Fortschritts ausschließlich auf der Basis von auf Immer-Mehr gerichteter abstrakter Größen (was in der Regel auf ein Mehr für einige Wenige und ein weniger für die Vielen hinausläuft) zumindest zu relativieren. Immerhin erscheinen auf der Grundlage der gegenwärtigen globalen Krisenerscheinungen ausschließlich eindimensional wirtschaftlich definierte bzw. an der Vermehrung von Kapital orientierte Fortschrittszahlen immer weniger relevant, wenn es um die Vermeidung soziale Ungleichheit geht, zunehmend aber auch, wenn es um die persönliche Erwartung und Erfahrung von Wohlbefinden und Lebensqualität der europäischen BürgerInnen geht.

Das bedeutet aber auch, dass die schulische Zurichtung junger Menschen auf einen Arbeitsmarkt, der immer weniger Bedarf an massenhaft austauschbaren Qualifikationen anmeldet, weiter abnehmen wird. Gefragt sind zunehmend Arbeitskräfte, die in der Lage sind, nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern ihre Persönlichkeit, ihre Haltungen und Wertvorstellungen in die wirtschaftlichen Prozesse einzubringen, um die von ihnen geschaffenen Produkte bzw. erbrachten Dienstleistungen so aufzuladen, dass sie den Erwartungen einer ebenso individualisierten Kundschaft zu entsprechen vermögen. Dass dabei die ästhetisch-sinnliche Dimension eine zunehmend entscheidende Rolle spielt, können vor allem die mittlerweile die Mehrheit von 60% aller UnternehmensvertreterInnen bestätigen, die in der Aufrechterhaltung einer entindividualisierenden und damit autoritären, auf Angst und unbedingte Gefolgschaft ausgerichtete Unternehmenskultur keine Zukunft sehen.

Das aber bedeutet, in einer künftigen EU-Strategie dem Thema kultureller Bildung als Motor für eine, auf umfassende Persönlichkeitsbildung basierenden Neuen Lehr- und Lernkultur und damit der Beschäftigung mit den künstlerischen Ausdrucksformen als Eröffnung von lebendigen Ermöglichungs- und Ermächtigungsräumen einen zentralen Stellenwert einzuräumen. Als ein kleiner Lichtblick kann dazu vermerkt werden, dass kulturelle Bildung zumindest auf der europäischen Kulturagenda (siehe dazu u. a. den Zwischenbericht der Arbeitsgruppe zu den Synergien zwischen Bildung und Kultur im Rahmen der Open Coordination Method) , leider noch nicht auf der wesentlich einflussreicheren Bildungsagenda angekommen ist, zumal sich dort die Kräfte konzentrieren, die glauben, die Bildungsregime zur Rationalisierbarmachung von Erziehung müssten um fast jeden Preis beliebig fortgesetzt werden.

An dieser Schimäre werden die jungen EuropäerInnen wohl noch für einige Zeit zu leiden haben; die Geschichte wird zeigen, ob der Kontinent einen solchen Irrglauben noch lange auszuhalten vermag.

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